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Verkehrsüberlastung wird durch E-Mobilität nicht vermieden. Dagegen helfen nur bessere, vernetzte Daten.

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"Die Beschränkung der Mobilität ist keine Option" , erklärte Fotis Karamitsos von der Generaldirektion für Energie und Verkehr der EU-Kommission. Und obwohl die meisten Straßen in Lyon, dem zweitgrößten französischen Ballungsraum, von Dauerstau geplagt sind, konnte er diesen Standpunkt sogar pünktlich vertreten auf der 8. Europäischen Konferenz für Intelligente Verkehrssysteme (ITS), die von 6. bis 9. Juni ebendort stattfand.

Allerdings lässt sich diese Prämisse außerhalb der eingeschworenen Community von Telematikern und Verkehrsplanern nur allzu leicht völlig falsch interpretieren, befürchteten andere Vortragende auf der ITS. So rechnete die spanische Forschungsgesellschaft Tecnalia einmal mehr Bekanntes vor: 20 Prozent aller CO2-Emissionen in der EU stammen vom Verkehr - allein zwölf Prozent von der Straße. Sollte sich die Verkehrsplanung nicht grundsätzlich ändern, könnte der Transportsektor im Jahr 2020 bereits für die Hälfte des gesamten CO2-Ausstoßes verantwortlich sein. Der Unternehmensberater Franck Leveque von Frost and Sullivan ergänzte den volkswirtschaftlichen Schaden mit Daten aus einer neuen Studie: Bis zu 1,5 Prozent vom durchschnittlichen BIP der EU-Staaten gehen durch Verkehrsüberlastung verloren.

Null Emission, 100 Kilometer

Unterdessen lagen in den Messeständen von Herstellern wie Renault bereits stoßweise Preislisten für die unterschiedlichsten Elektrofahrzeuge auf. Doch selbst der hier gezeigte, zu hundert Prozent batteriebetriebene Klein-Lkw Maxity steckt hie und da im Stau. Das verursacht zwar null Emissionen, kann aber bei einer aktuellen Reichweite von rund 100 Kilometern mit eingeschalteter Klimaanlage ein echtes Problem sein: 400 Kilogramm schwere Akkus tragen sich eben nicht so leicht bis zur nächsten Tankstelle wie ein alter Reservekanister.

Louisa Andreone vom Fiat-Forschungszentrum glaubt, dass dieses Manko durch Fortschritte in der Akku-Technologie schon entschärft wurde: Mit einer rechtzeitigen Schnellladung zwischendurch erreichen Batterien nun bereits in 30 Minuten wieder 80 Prozent ihrer Kapazität. Unakzeptabel hoch sei dagegen noch der CO2-Ausstoß, der durch die Produktion dieser Akkus verursacht werde. Streng genommen sind es aber gar nicht diese neuen Kinderkrankheiten der Autoindustrie, die Telematiker beschäftigen.

Die App zum Strom tanken

Jean-Charles Pandazis, Chef der Abteilung Öko-Mobilität bei Ertico, der europäischen Dachorganisation für alle nationalen ITS-Initiativen, zielte vielmehr auf die begleitenden Services für die Benutzer ab: Verfügbare freie Ladestationen müssten nun unkomplizierter gefunden werden. Die Autohersteller selbst, Technologieinstitute und die meisten Telekomunternehmen arbeiten deshalb bereits an einer Umsetzung von mobilen Echtzeit-Applikationen. Die größten Schwierigkeiten dabei liegen aber zum einem in der Vernetzung der Daten von unterschiedlichen Playern und zum anderen in der Qualität dieser Daten.

So meinte etwa Gert Pauwels von Orange, dass die Mobilfunker bisher kaum zum Zug kamen als Datenlieferanten für sensible ITS-Anwendungen, weil ihre Netze nicht zuverlässig genug sind. Allerdings arbeitet das Unternehmen nun an einer Anwendung für Smartphones, bei der sich Benutzer freiwillig vernetzen und rasch Informationen über Infrastruktur für die E-Mobilität austauschen können. Parallel dazu versuchen die Schienenverkehrstechniker von Bombardier, die E-Zapfsäule generell überflüssig zu machen. Im belgischen Lommel bezieht ein Elektro-Linienbus seinen Strom per Induktionsladung direkt von einer 1,2 Kilometer langen Teststrecke. Noch in diesem Sommer wird das Aufladen während der Fahrt auf einer mit Magnetfeldern ausgestatteten Straße dann auch mit serienreifen E-Pkws getestet.

Wie breit das Feld der ITS tatsächlich ist, verdeutlichte nicht zuletzt der Vizepräsident der EU-Kommission, Siim Kallas: Auf der Konferenz initiierte er einen Wettbewerb für die Entwicklung des ersten gesamteuropäischen Reiseplaners: "Ich will durch Europa reisen, vom Flugzeug auf die Bahn, aufs Schiff oder auf städtische Öffis wechseln und nur ein einziges Ticket online kaufen müssen" , meinte er nur und bat um die entsprechende Umsetzung. Gute Karten bei der Realisierung eines solchen Dienstes hat die ITS Vienna Region.

Alle Wege führen nach Wien

Im Rahmen dieses Projekts für einen Verkehrsdatenpool wurde der multimodale Routenplaner "Von A nach B" für die Benutzung von Öffis, Auto, Rad und Fußwege im Großraum Wien umgesetzt. Projektleiter Hans Fiby dazu: "Die bestehende Infrastruktur muss in Zukunft effizienter genutzt werden. Allein durch unterstützende Verkehrsinformationen sehe ich ein Verlagerungspotenzial von bis zu sechs Prozent." Konkret heißt das: Durch die Wahl des richtigen Verkehrsmittels zur richtigen Zeit können Überlastungen stark reduziert werden. Die wichtigsten ostösterreichischen Player für die Lieferung von intermodalen Verkehrsinfos seien dafür bereits gut vernetzt. Allerdings soll dieser Service bis zum ITS-Weltkongress 2012 in Wien dann sogar österreichweit verfügbar sein. (Sascha Aumüller aus Lyon/DER STANDARD, Printausgabe, 15.06.2011)