Ipsos hat auch tief in die türkische Wählerseele geschaut. Die Ergebnisse der Nachwahlbefragungen sind heute veröffentlicht worden. Demnach hätten sich die Parteien den anstrengendsten Teil des Wahlkampfs sparen können: Die große Mehrheit der Türken will schon zwei Monate vor dem Wahlgang entschieden haben, wo sie ihr Kreuz macht. 85 Prozent der AKP-Wähler haben das erklärt, 78 Prozent bei der CHP und 68 Prozent bei den Rechtsnationalisten der MHP, deren Wähler - zugestandermaßen, aber nicht über Gebühr - durch die Sexvideos der Funktionäre ins Grübeln kamen. Die Schlussfolgerung: Was zählt, ist der Chef, der Rest ist bunte Garnitur? Nicht ganz.

Bei den AKP-Wählern finden 47 Prozent in erster Linie Tayyip Erdogan als "Lider" toll. Dazu muss man wohl noch jene zwölf Prozent hinzuzählen, für die "die Partei" ausschlaggebend war, und "die Partei" ist vor allem einmal Erdogan. 41 Prozent geben aber auch, sie hätten die AKP wegen ihres politischen Programms gewählt.

Dabei gibt es einen interessanten Punkt: das Versprechen von "Großprojekten" - ein Sammelsurium von Wohnungsbau, Kraftwerksbau, Flughafenbau, Autobahnbau - zog bei den meisten Wählern der Regierungspartei; die neue Verfassung rangiert fast gleichauf, Erdogans Kanalprojekt für Istanbul fanden 48 Prozent seiner Wähler entscheidend.

Die säkulare Republikanische Volkspartei CHP, die sich nun anschickt, eine große Debatte über Erfolg und Niederlage ihres Vorsitzenden Kemal Kilicdaroglu zu führen, hat einerseits die kleinste Zahl von Wechselwählern: 85 Prozent der Befragten gaben an, schon 2007 CHP gewählt zu haben. Gleichzeitig ist diese Wählerschaft eher ein Klub von Taktikern und Zögerlichen - mehr als ein Viertel der CHP-Wähler wollte mit seiner Stimme den Sieg einer anderen - sprich: der AKP - verhindern; ein knappes anderes Viertel erkennt sich nur so halbwegs in der Partei wieder, fand aber nichts Besseres.

Und dann noch ein Blick ins Geschichtsbuch: Langzeit-Regierungschefs und große Mehrheiten für eine einzelne Partei gab es in der Türkei seit dem Übergang zur Demokratie schon vor Erdogan. Keiner hatte aber sein Wachstumshormon geschluckt. 1950 starteten Adnan Menderes, ein konservativ-muslimischer Politiker, in dessen Linie sich Erdogan sieht, und seine Demokratische Partei mit 55,2 Prozent und fegten die Staatspartei CHP von der Macht. Menderes regierte zehn Jahre, bis er 1960 von der Armee aus dem Amt geputscht und später hingerichtet wurde. 1954 erhielt Menderes' Demokratische Partei (DP) gar 57,5 Prozent, 1957 waren es noch 47,9 Prozent der Stimmen. Den Rekord von Menderes habe Erdogan nun eingestellt, heißt es jetzt: Erdogan regiert jetzt seit neun Jahren - er hatte im März 2003 das Amt des Premierministers von Abdullah Gül übernommen - und hätte vier weitere Jahre vor sich; und der dritte Wahlsieg der AKP ist größer ausgefallen als einst bei der DP.
Der Konservative Süleyman Demirel war von 1965 bis 1993 nicht weniger als sieben Mal Premierminister, was seiner Kunst als Koalitionsmeister geschuldet war. Demirels Gerechtigkeitspartei und später Partei des rechten Weges schwankten zwischen 30 und 50 Prozent. Turgut Özal schließlich, das andere Modell für Erdogan und die AKP, regierte unter Anleitung der Militärs von 1983 bis 1989 als Premier. Seine konservative Mutterlandspartei begann mit 45 Prozent, sank bei den Wahlen vier Jahre später auf 36,3 Prozent (was dank Wahlsystem trotzdem für die absolute Mehrheit im Parlament reichte) und verlor nach seinem Tod nach und nach an Bedeutung. 2007 traten die Mutterländler schon nicht mehr an, ihre Wählerschaft war längst zur AKP gewandert.