Alfred Gusenbauer und Jörg Haider haben neulich miteinander Spargel gegessen und ihren Rachedurst mit einem edlen Tropfen genährt. In der Steiermark. Sie wollten damit weniger ihre verwöhnten Gaumen als vielmehr eine schwer zu verwöhnende Öffentlichkeit erregen. Das sorgfältig arrangierte Symposion eines profilierten Gourmets und eines ausgehungerten Gourmands hat diesen Zweck ideal erfüllt. Niemals wäre der Lärm um das Nichts eines Arbeitsessens so groß gewesen, hätte es offiziell in einem Chambre séparée des Parlaments in Wien stattgefunden.

Am wenigsten verwundert dürfte die Botschaft in Form einer Nahrungsaufnahme den Hauptadressaten haben. Dass Gusenbauer von seiner Politik nichts hält, kann Wolfgang Schüssel in den letzten Jahren ja nicht verborgen geblieben sein, und ebenso wenig in den letzten Wochen, dass er Gott für die Zähmung seines einstigen Porsche-Chauffeurs zu früh gedankt hat. Am größten war die Aufregung bei jenen, die im Spargel den strategischen Kitt für eine rot-blaue Koalition, gewissermaßen die Fortsetzung des PorscheTourismus mit einem anderen Insassen sehen wollen und Gusenbauer vorbeugend des Verrats sozialdemokratischer Prinzipien verdächtigen. Äußern kann man einen solchen Verdacht gar nicht früh genug, aber man muss ihm nicht gleich erliegen. Denn es bestehen doch einige triftige Gründe, warum eine Koalition der SPÖ mit der Haider-FPÖ nicht zu befürchten ist - und nicht einer, warum doch.

Politische Romantiker würden vielleicht sagen, unüberwindliche Gegensätze im Grundsätzlichen machen ein solches Zusammengehen unmöglich. Das hat man von der christlichen Volkspartei auch einmal geglaubt, und doch gibt es eine schwarz-blaue Koalition. Natürlich existieren solche unüberwindlichen Gegensätze im Programm, dennoch könnte ein platter Pragmatismus, wie er auch in der SPÖ in manchen Bundesländern vorherrscht, unter Umständen und ebenso platten Vorwänden Grundsätze über Bord werfen, um Gegensätze auf ein koalitionsgerechtes Maß einzuebnen.

Man sollte diese Gefahr aber nicht überschätzen. Denn erstens liefe eine SPÖ, die sich vor den nächsten Wahlen nicht überzeugend von allen rot-blauen Koalitionsspielen distanziert, Gefahr, viele Wähler zu verlieren, vor allem vermutlich an die Grünen. Zweitens gibt es in der SPÖ auch jenen sozialpartnerschaftlichen Pragmatismus, der noch immer eine Wiederbelebung der Koalition mit der ÖVP (ohne Schüssel) vorzieht.

Vor allem aber: Alfred Gusenbauer wurde schon manches vorgeworfen, mangelnde Intelligenz hat ihm noch niemand unterstellt. Dieses Gebrechen müsste aber vorliegen, hätte er aus den Erfahrungen der letzten Jahre nicht gelernt, dass man mit dem Freund Saddam Husseins im Ausland kaum renommieren und im Inland vielleicht ein Gesetz zu Fall bringen kann, dass seine pathologisch anmutende Unberechenbarkeit ihn jedenfalls als Koalitionspartner ausschließt. Definitiv - andernfalls: Spargel mit Bröseln.

Nicht zuletzt geht es in einer Koalition auf Dauer nicht darum, die vorherige beseitigt zu haben, sie braucht auch ein positives Programm, und da bietet eine Partei wenig Anhaltspunkte, die sich im Allgemeinen, wenn es nicht gerade um die Stimmen der kleinen Leute geht, doch blendend mit der ÖVP versteht. Schließlich zuletzt: Wenn Haider einen letzten Versuch wagen will, aus der Malaise, in die zuerst er sich, dann Schüssel ihn und jetzt er Schüssel gestürzt hat, für seine Partei zu retten, was noch zu retten ist, dann kann nur er es tun, und er muss es bald tun. Das hilft ihm auch kein Spargelbund. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2003)