Kaum zwei Monate nach dem tödlichen Attentat auf Serbiens Reformpremier Zoran Djindjic platzt die regierende Koalition aus allen Nähten. Harmonie, die demonstrative Einigkeit im Kampf gegen das organisierte Verbrechen, die serbische Politiker an Djindjic' Grab beschworen hatten, gibt es nicht mehr. Minister bekriegen sich gegenseitig, Regierungsmitglieder beschuldigen einander der Nähe zur Mafia, eine Lawine von Affären überrollt derzeit Serbien.

Nenad Canak, der Chef der Sozialdemokraten der Vojvodina, gab zu, mit einem der größten Drogenhändler des Landes eng befreundet zu sein und lobte öffentlich trotzig dessen "menschliche Qualitäten". Besonders die "Tapferkeit", mit der der Mafioso den "demokratischen Kräften im Kampf gegen das Regime Milosevic zur Seite stand", hatte es Canak angetan. Er beschuldigte seinerseits den Chef der Reformisten, Mile Isakov, für Milosevic gearbeitet zu haben.

Vizepremier Nebojsa Covic wiederum beschuldigte Cedomir Jovanovic, die rechte Hand von Premier Zoran Zivkovic, mit den Mafiabossen "Whisky getrunken" und gefeiert zu haben. Daraufhin startete der unter der Obhut von Milosevic' Frau Mira Markovic gegründete TV- Sender "Pink" eine wüste Kampagne gegen Covic, weil dieser auch in kriminelle Geschäfte verwickelt sein soll. Das Innenministerium will Covic wegen Verleumdung anklagen, Covic droht mit einer Gegenklage, und so geht es dahin.

Landwirtschaftsminister Dragan Veselinov raste mit seinem Jeep durch Belgrad und löste einen Verkehrsunfall aus, bei dem eine junge Frau starb. Forderungen nach seinem Rücktritt bezeichnete Veselinov als "politische Attacke gegen die Regierung". Ohne Djindjic scheint die Regierung wie ein Kartenhaus auseinander zu fallen.

Dem unter Druck geratenen Premier Zoran Zivkovic bleibt nichts anderes übrig, als sich mit "sensationellen" Ergebnissen der als "Säbel" bezeichneten Aktion der Sicherheitskräfte gegen die Mörder von Djindjic, das organisierte Verbrechen und die alte Nomenklatur von Milosevic zu brüsten. Mehr als 10.000 Menschen wurden festgenommen, gegen rund 3000 soll Strafanzeige erhoben werden. Gegner des Premiers behaupten jedoch, dass die Aktion "selektiv" gewesen sein soll, dass sich die Drahtzieher des Attentats nach wie vor auf freiem Fuß befinden, weil die "geschäftlichen Verbindungen" einzelner Regierungsmitglieder mit der Mafia unter den Tisch gekehrt werden soll. Witze über den Premier

Seine Gegner werfen Zivkovi´c auch vor, für das Amt des Premiers nicht qualifiziert zu sein. Der Exbürgermeister von Nis spricht keine Fremdsprachen, hat keine Universitätsbildung, über seine Fehlleistungen werden Witze gerissen. So beschuldigte der Premier den international angesehenen Notenbankgouverneur, Mladjen Dinkic, "gefälschte Banknoten" zu drucken. Die eigene "Unfähigkeit" wollten einige Personen durch "Intrigen und politische Machenschaften" verdecken, um sich an der Macht zu erhalten, konterte Dinkic.

In der nationalistischen Opposition reibt man sich die Hände, weil sich die Reformer untereinander bekämpfen. Die Regierung, die nur über eine knappe Mehrheit im Parlament verfügt, steuert in Richtung vorgezogener Parlamentswahlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.5.2003)