Der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei, der für dieses Buch für einen kurzen Artikel gewonnen werden konnte, erinnert in seinen IAEO-Memoiren (siehe Artikel "Zwischen allen Stühlen") ständig daran, wie eng verknüpft die Non-Proliferations-Anstrengungen und -rückschläge mit den - nicht gehaltenen - Abrüstungsversprechen der fünf offiziellen Atommächte verbunden sind: Die "Haves" verlangen von den "Have-nots" ja im Grunde genommen, dass die Letzteren gescheiter oder zumindest visionärer sind als sie selbst, nämlich einzusehen, dass man auf Atomwaffen als Bestandteil der Sicherheitspolitik verzichten kann und soll.

Dass mit Barack Obama ein US-Präsident im April 2009 von einer möglichen atomwaffenfreien Welt sprach, ist nicht weniger als ein Eingeständnis dieser Paradoxie - und fasziniert Sicherheitsexperten und Politikwissenschafter wie den Österreicher Heinz Gärtner, der ein sehr nützliches Buch rund um dieses Thema herausgegeben hat. Nach einer langen Stagnation, die unter der Bush-Regierung Züge einer Revision hatte, sieht Gärtner einen tiefgreifenden Wechsel vom "selektiven" Ansatz der Bush-Regierung auf einzelne Proliferations-Fälle zu einer Gesamtsicht Obamas, die auch den NPT (Non-Proliferation Treaty, Atomwaffensperrvertrag) auf eine neue Basis stellen könnte.

Obama ist nicht naiv - dass er die Umsetzung seiner Vision von "Global Zero" vielleicht selbst nicht erleben wird, weiß er, und das wissen auch die Analysten. Der Weg dorthin ist weit, gerade deshalb muss stetig ein Fuß vor den anderen gesetzt werden. Es könnte einen schwindeln angesichts der Qualität dieser nötigen Schritte: etwa dass Atomwaffenstaaten Nichtatomwaffenstaaten gegenüber "negative security assurances" abgeben sollten, das heißt, die Versicherung, auf den Einsatz von Atomwaffen gegen ein Land ohne Atomwaffen zu verzichten, oder dass sich die USA eine "no first use" -Nukleardoktrin zulegen müsste.

Gärntner versammelt bekannte (neben ElBaradei etwa sein Vorgänger als IAEO-Chef Hans Blix) und weniger bekannte Namen, die einzelne Fragestellungen bearbeiten, vom Atomteststoppvertrag über Nuclear Postures bis zu den internationalen Institutionen. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)