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Ein Rückzug aus der hohen Politik, aber vielleicht nicht von Dauer: Der Kongressabgeordnete Anthony Weiner wäre nicht der erste US-Politiker, der nach einem "mea culpa" von vorn beginnt.

Foto: Reuters

Zwar musste der US-Abgeordnete Anthony Weiner wegen einer Sexaffäre zurücktreten, doch Profi-Krisenmanager Gene Grabowsky sieht durchaus Chancen für ein Comeback: Schließlich war "Weinergate" kein Einzelfall.

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Immerhin gibt es noch Larry C. Flynt. Der Herausgeber des Männermagazins Hustler reagierte sofort. Kaum hatte Anthony Weiner mit zerknirschter Miene das Handtuch geworfen, sandte er ihm auch schon ein Stellenangebot zu: Flynt will dem Exabgeordneten zwanzig Prozent mehr zahlen, als er zuletzt im Kongress verdiente und selbstverständlich auch die Umzugskosten nach Beverly Hills erstatten. Nein, das sei kein Scherz, stellte der Porno-Publizist in einem Brief klar. "Ihr unglücklicher Rücktritt ist das beste Beispiel für den grundlosen politischen Druck und die Heuchelei, die sich unserer Demokratie in Washington bemächtigt haben."

Wenigstens ein Sympathisant, der sich öffentlich zu Wort meldet, dürfte Weiner gedacht haben. Ansonsten steht er, gestürzt über Cybersex, allein auf weiter Flur, wobei sich der Eindruck aufdrängt, dass eine virtuelle Sexaffäre strenger geahndet wird als eine tatsächliche - jedenfalls im Diskurs der US-Hauptstadt.

Nancy Pelosi, die Chefin seiner demokratischen Fraktion, hatte ihn seit Tagen zum Aufhören gedrängt. Sogar der Präsident schaltete sich ein, mit einem ganz und gar nicht blumigen Satz. "Ich an seiner Stelle würde zurücktreten", empfahl Barack Obama, während sich sein republikanischer Widerpart John Boehner sprachspielerische Bonmots erlaubte. "Wissen Sie, aus meinem Namen hat man schon alles Mögliche gemacht. Beener, Bonner, Boner. Gott sei Dank nicht Weiner."

Nein, im Lande der Puritaner ist so etwas keine Privatsache. Drei Wochen lang kannte der Kongress kein wichtigeres Thema als "Weinergate", obwohl andere Aufgaben drängen - etwa das Aushandeln eines Kompromisses zum Anheben des Schuldenlimits, um einem Staatsbankrott zuvorzukommen.

Es begann damit, dass der 46-jährige Demokrat via Twitter Intimfotos an eine Studentin in Seattle verschickte: Aufnahmen einer prallgefüllten Unterhose. Weil das Internet keine Geheimnisse kennt, wurden die Bilder rasch publik, ergänzt um Plaudereien einer Blackjack-Dealerin und einer Pornodarstellerin, die ähnliche Fotos erhalten hatten.

Karriere-Aus oder Neuanfang

Was der Sache zusätzliche Würze verlieh: Weiner ist seit elf Monaten verheiratet - mit Huma Abedin, einer eleganten Schönheit mit pakistanischen Wurzeln. Abedin wiederum arbeitet als Assistentin bei Außenministerin Hillary Clinton, womit fast zwangsläufig der Bogen geschlagen war zu Bill Clinton und dem, was Amerikaner seit Monica Lewinsky nur noch "presidential sex" nennen.

Ob es das Ende einer vielversprechenden Karriere ist? Das Aus für Weiner, der 2013 Bürgermeister New Yorks werden wollte? Nicht unbedingt. Gene Grabowski, eine Koryphäe auf dem Gebiet des Krisenmanagements für gestrauchelte Prominente, sieht durchaus die Chance für ein Comeback, sofern der Abgestürzte ein paar Grundregeln beherzigt. Erstens: echte Reue zeigen. Zweitens: harte Arbeit leisten. Und schließlich drittens: den Neuanfang gut inszenieren.

"Die Leute in diesem Land lieben das Phänomen der Wiedergeburt", weiß der PR-Experte. Als Paradebeispiel dient Marion Barry, der Exbürgermeister Washingtons, der gefilmt wurde, als er mit einer Geliebten Kokain konsumierte. "Er ging ins Gefängnis, entdeckte die Religion und war wieder da", bringt Grabowski es auf den Punkt.

Und dann David Vitter, verheirateter Senator aus Louisiana. Er ließ sich regelmäßig Callgirls vermitteln. Nach einem "mea culpa", vorgetragen mit zitternder Stimme, durfte er im Senat bleiben.

Eliot Spitzer, einst Gouverneur des Bundesstaates New York, bestellte sich Edelhuren auf Hotelzimmer und musste seinen Hut nehmen. Heute führt er bei CNN durch eine Talkshow.

Schließlich Bill Clinton, dem 65 Prozent der Amerikaner gute Arbeit bescheinigten, als er 2001 das Oval Office verließ.

Lanny J. Davis, einst Clintons Rechtsberater, sieht denn auch feine Unterschiede zwischen Medienrummel und Realität. Die Amerikaner hätten ein feines Gespür - sie wüssten genau zu unterscheiden "zwischen menschlicher Schwäche und der Leistung im Amt", meint Davis. Vielleicht geben sich Politiker ja einfach puritanischer als ihre Wähler. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2011)