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Bis vor kurzem ein Herz und eine Seele. Nun kriselt es zwischen Bossi (li.) und Berlusconi.

Foto: Reuters/Garofalo

Sie tragen grüne Hemden, Rauschebärte und Helme mit Hörnern, schwingen Schwerter und keltische Sonnensymbole: Einmal im Jahr pilgert das Fußvolk der rechtspopulistischen Lega Nord nach Pontida nordöstlich von Mailand. Dass die lombardische Liga 1167 hier ihren Eid gegen Kaiser Barbarossa geschworen habe, ist Legende. Doch Mythenbildung steht bei der Lega hoch im Kurs.

Brodelnde Parteibasis

Am Sonntag dürfte die Stimmung auf der jährlichen Großkundgebung weniger euphorisch ausfallen als üblich. Die Wahlniederlagen der vergangenen Wochen haben die Basis verunsichert. "Unsere Führung ist verbürgerlicht", schimpft Ambrogio aus Mailand in der Livesendung von Radio Padania. "Die haben sich römische Sitten angewöhnt", wettert Claudio. Die meisten sehen die Ursache der Misere im ungeliebten "Bunga-Bunga-Präsidenten" Silvio Berlusconi und fordern das Ende der als "Zwangsehe" empfundenen Koalition.

Kritik an Parteigründer Umberto Bossi gilt in der hierarchischen Lega als Majestätsbeleidigung. Demonstrativ stellt sich die Parteiführung hinter den 70-Jährigen: Am Sonntag wird Bossi erstmals allein zu den Grünhemden sprechen. Der "Senatúr", dessen Reden nach einem Schlaganfall nur mit Mühe zu verstehen sind, muss sich unangenehmen Fragen stellen. Wie konnte es passieren, dass er zum Boykott der jüngsten Volksabstimmungen aufrief und die Hälfte der Lega-Wähler seinen Appell demonstrativ ignorierte?

"Bossi hat in 25 Jahren keinen einzigen Fehler begangen", nimmt das Lega-Blatt La Padania Bossi in Schutz. Die Realität sieht freilich anders aus. Die einstige Protestpartei hat es sich längst in den Sesseln der Macht bequem gemacht. Nur noch ein paar derbe Sprüche erinnern an frühere Sezessionsdrohungen. Die Lega ist zu einer Partei wie jede andere verkommen - mit Korruptionsaffären, Ämterkumulierung, Nepotismus.

Über Jahre hat Bossi die Partei autoritär im Alleingang geführt, Dutzende potentieller Rivalen entmachtet. Jetzt bröckelt sein Charisma. Und so spottet die Turiner Zeitung La Stampa: "Bossi ist ein bellender Hund, der nicht beißt." (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2011)