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Andre Rettberg

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Wiener Neustadt - Rund ein Jahrzehnt nach der Pleite des Buch- und Papierhändlers Libro wurden heute, Dienstag, am Landesgericht Wiener Neustadt die - nicht rechtskräftigen - Urteile über die damaligen Manager gesprochen: Ex-Libro-Chef Andre Maarten Rettberg wurde zu dreieinhalb Jahren Haft als Zusatzstrafe verurteilt, sein damaliger Finanzvorstand Johann Knöbl erhielt vier Jahre Haft.

Zu je drei Jahren Haft, davon ein Jahr unbedingt, wurden Kurt Stiassny, der Ex-Libro-Aufsichtsratschef, und Ex-Libro-Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann verurteilt. Lediglich der fünfte Angeklagte, WU-Professor und Ex-Libro-Aufsichtsratsvize Christian Nowotny, wurde freigesprochen.

Für den heute 53-Jährigen ehemaligen "Mr. Libro" und "Manager des Jahres" Rettberg ist der Schuldspruch ein tiefer Fall. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, muss er insgesamt für vier Jahre und zwei Monate ins Gefängnis. Allen vier Verurteilten wird Untreue und Bilanzfälschung angelastet, vom Anklagepunkt des schweren Betrugs wurden sie freigesprochen.

Urteilsbegründung

In der Urteilsbegründung wurde der um 133 Mio. Schilling (9,67 Mio. Euro) zu hoch ausgewiesene Gewinn angeführt. Die vier Verurteilten hätten, gestützt auf Bilanzfälschung, eine Sonderdividende von 440 Mio. Schilling an die UDAG ausgeschüttet, dies habe ihren Pflichten widersprochen. Einen nicht vorhandenen Gewinn dürfe man nicht ausschütten, so Richterin Birgit Borns in ihrer Urteilsbegründung. Letztlich hatte sich die Libro AG damit ihren Kaufpreis selbst bezahlt. Der Wirtschaftsprüfer habe den überhöhten Gewinn durch seinen Bestätigungsvermerk abgesegnet und damit zur "Verschleierung" einer verbotenen Rückgewähr der Einlagen nach Aktiengesetz beigetragen.

Die Angeklagten verfolgten Dienstagnachmittag mit steinerner Miene die Urteilsverkündung und verließen anschließend ohne Kommentare gegenüber den Journalisten den Verhandlungssaal. Die Verteidiger der vier Verurteilten kündigten Rechtsmittel an, dadurch sind die Urteile nicht rechtskräftig. Der Staatsanwalt hat drei Tage Zeit eine Erklärung abzugeben. Er könnte auch den Freispruch für Nowotny noch beeinspruchen. 

"Harte Urteile"

Nach Ansicht des Anlegerschützers Wilhelm Rasinger seien "nach zehn Jahren sicher sehr harte Urteile gefällt worden". Ein Teil der Strafe seien auch die lange Unsicherheit der Betroffenen und die hohen Prozesskosten gewesen, sagte Rasinger am Dienstag. "Es ist zu hoffen, dass bei den anderen noch im Ermittlungsstadium befindlichen Causen wie z.B. Meinl möglichst bald Ergebnisse vorliegen bzw. es zu einem Prozess kommt", sagte der Präsident des Interessenverbandes für Anleger (IVA).

Besonders hart sei das Urteil gegen den Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann ausgefallen, findet Rasinger. Von den Urteilen erwartet er sich "eine starke Präventivwirkung für Experten und Fachleute, die am Kapitalmarkt vor allem das Retailpublikum, den kleinen Mann, ansprechen".

Den Anlegern brächten die Urteile vor allem "emotionale Genugtuung", aber wirtschaftlich wenig, weil man davon ausgehen müsse, dass nicht alle Urteile widerspruchslos akzeptiert werden. "Dem Anleger wäre mehr geholfen, wenn er seine Ansprüche rascher geltend machen könnte." Tatsächlich hätten sich die meisten Anleger nach spätestens fünf Jahren mit dem Verlust abgefunden, "was jetzt stattfindet, ist nur noch eine unangenehme Erinnerung".

Vorgeschichte

Rettberg wurde bereits 2006 wegen versuchter betrügerischer Krida zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, davon acht Monate unbedingt. Er hatte versucht, rund 3,63 Mio. Euro vor seinen Gläubigern zu verheimlichen. Seit September 2008 ist das Urteil des Landesgerichts Wiener Neustadt rechtskräftig, Rettberg hat die Strafe jedoch bis heute nicht angetreten. Ende 2010 stellte er den Antrag auf Fußfessel, gegen die Ablehnung kündigten seine Rechtsanwältin Berufung an. Das Verfahren ist vor der Vollzugskammer beim Oberlandesgericht Wien anhängig.

Durch die Libro-Insolvenz (2001 ging das Unternehmen in Ausgleich, 2002 in Konkurs) verloren zahlreiche Anleger ihr Geld. Die Telekom Austria musste ihren im Herbst 1999 erworbenen 25-Prozent-Anteil an Libro schon in der Bilanz 2000 vollständig abschreiben. Die Telekom hatte für ihr Libro-Viertel knapp 1,176 Mrd. Schilling (85,5 Mio. Euro) gezahlt. Auch zahlreiche Kleinanleger, die bei dem stark umworbenen Libro-Börsegang im November 1999 eingestiegen waren, erlitten herbe Verluste. Der damals u.a. erhobene Vorwurf gegen das Libro-Management, dass das Unternehmen durch die "Sonderdividende" kurz vor dem Börsegang geschwächt worden sei, die "Altaktionäre" rund um Stiassny aber ihre Schäfchen ins Trockene gebracht hatten, führte schließlich zu den Ermittlungen der Justiz. (APA)