"35 Euro", sagt Thomas Steffen zum dritten Mal und muss selbst bereits lachen. So hoch ist die Strafe für die meisten Vergehen, deren man sich beim Hausbootfahren in Mecklenburg-Vorpommern schuldig machen kann. Ohne Schwimmweste über die Müritz? "35 Euro". Sich dem Geschwindigkeitsrausch hingeben und doch mit zwölf Stundenkilometern durch einen der Kanäle rauschen? Genau. Außerhalb der Bojen fahren? Eben.

In der Marina Wolfsbruch, dem deutschen Headquarter von Le Boat, geht man rasch an Bord - doch erst nach zwei Stunden Einführung - Thomas erklärt, welches Boot bei Brücken Vorfahrt hat, warnt davor, dass sich die Polizisten auf dem Wasser genau wie ihre Kollegen zu Lande gerne an versteckten Stellen mit der Radarpistole auf Lauer legen, und zeigt bei einer Probefahrt, wie man in einem Kanal wendet - geht es los. Schnell werden noch zwei Klappräder auf dem Boot befestigt, die Lebensmittel sind bereits in der Kombüse verstaut.

Schon nach einer Stunde auf dem Wasser wird klar: Mit dem Hausboot über die Mecklenburger Seenplatte, das größte zusammenhängende Seengebiet Europas, zu tuckern, senkt das innere Tempo dramatisch. Tausend Seen, verbunden durch Flüsse und Kanäle, reihen sich aneinander, hat man eine enge Stelle passiert, tut sich die nächste Wasserfläche auf. Nur wenige Meter vom Boot entfernt steigen Graureiher in die Luft.

Genug zu tun für alle

Wer jedoch gedacht hat, ein Trip auf dem Hausboot bedeutet, an Deck in der Sonne zu knotzen und den neuesten Krimi zu lesen, wird schnell eines Besseren belehrt. Auf der Grand Classique gibt es für alle etwas zu tun: Wer nicht am Steuer steht, liest die Karte, zwei müssen beim Anlegen und in den Schleusen das Boot festmachen. Außerdem ist die Uferlandschaft so schön und sattgrün, dass es schade wäre, sich mit einem Buch den Blick auf die Auwälder zu verstellen.

Dass das Abenteuer beim Hausbootfahren keine Pause macht, zeigt sich an der erste Schleuse. Das Manövrieren und Anlegen ist für Ungeübte gar nicht so einfach, das 15-Meter-Boot liegt daher auch rasch quer zum Ufer, und die neu gewonnene Gelassenheit ist ebenso schnell dahin. Ein freundlicher älterer Herr im Boot vor uns kommt schnell zu Hilfe und weist uns routiniert ein. Überhaupt scheint hier niemand ungeduldig zu sein. Ist man nicht sicher, ob das eigene Boot noch Platz in der Schleuse hat, winkt einen der Schleusenwärter geduldig weiter, und auch auf den Schiffen vor und hinter uns keppelt keiner.

Schloss mit Seeblick

Belohnt wird die Aufregung schließlich nach kurzer Fahrt mit dem Blick auf Schloss Rheinsberg, das am Ostufer des Grienericksees liegt und in der Abendsonne golden leuchtet. In dem Rokokobau, der als Vorbild für Schloss Sanssouci gedient haben soll, habe er die glücklichste Zeit seiner Jugend verbracht, hat Friedrich der Große einmal gesagt. Heute kann der Stadtschreiber, vom Schloss aus den Blick über den See genießen. Die Stadt vergibt seit 1995 im Gedenken an Kurt Tucholsky, der Rheinsberg in seinem Bilderbuch für Verliebte literarisch verewigt hat, jährlich zwei Stipendien.

Die ruhige Morgenstimmung am See bietet am nächsten Tag die ideale Kulisse für das Frühstück an Bord - die Marina liegt gleich neben dem Schloss. Die Grand Classique bietet Platz für bis zu zehn Leute, eine komplett ausgestattete Küche, zwei Bäder mit Dusche und genug Platz, um sich nie beengt zu fühlen.

Gemütlich geht es dann weiter in Richtung Müritz. Zwar kommen einem die vorgeschriebenen neun km/h noch immer schnell vor, wenn in einem der engen Kanäle ein anderes Boot entgegenkommt, doch die bei der Überquerung der Seen wirken die zwölf Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit am zweiten Tag bereits ein bisschen lahm.

Bis man zur Müritz kommt. Dort sorgt nämlich der Wind für richtig Bewegung. Wer den größten See Deutschlands überqueren möchte, muss sich davor und im Zielhafen bei der Basis melden. Ab Windstärke vier darf niemand mehr aufs Wasser. Das Boot schaukelt ziemlich, und plötzlich wirkt die Schwimmweste gar nicht mehr blöd, sondern ziemlich beruhigend. Im Hafen in Waren gibt es einen freundlichen Empfang - die zwei netten Herren von der Wasserschutzpolizei finden, dass wir bei dem Wind gar nicht hätten fahren dürfen. Wie viel uns das gekostet hat? Richtig. (Bettina Fernsebner/DER STANDARD/Printausgabe/18.06.2011)