In der Provinz Almería überspannen weiße Plastikplanen große Teile der unbesiedelten Fläche. Unter ihnen wird Gemüse für Europa gezogen.

Foto: Margarete Ziegler

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der zumeist afrikanischen Landarbeiter sind prekär.

Foto: Margarete Ziegler

"Chabolas" gibt es nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in der Europäischen Union. Landarbeiter leben dort zwischen Müllbergen und Pestizidkanistern, ohne Toiletten und Duschen.

Weitere Bilder von der Situation der Feldarbeiter in Almería gibt es in der dazugehörigen Ansichtssache.

Foto: Margarete Ziegler

Margarete Ziegler war im Mai gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Vereins "Weltumspannend Arbeiten", einem entwicklungspolitischen Projekt des ÖGB Oberösterreich, in der Provinz Almería, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen in den Gewächshäusern der regionalen Gemüseproduktion zu machen. Von den geschätzten 120.000 meist afrikanischen Feldarbeitern in der Region sind nur etwas mehr als ein Drittel bei der Sozialversicherung gemeldet. Sie arbeiten und leben in den Plantagen der etwa 45.000 Hektar großen Anbauregion. derStandard.at sprach mit Margarete Ziegler.

derStandard.at: Wie lassen sich die Arbeitsverhältnisse auf den Feldern Andalusiens beschreiben?

Ziegler: Die Arbeiter müssen dort mit gröbsten Verstößen gegen das Arbeitsrecht leben. Theoretisch unterstehen sie einem Kollektivvertrag, der ihnen einen Tagessatz von 44 Euro und 20 Minuten Pause pro Schicht zusichert. Die Realität schaut aber anders aus. Die angemeldeten Arbeiter müssen mit 20 bis 30 Euro auskommen. Viele der illegal Beschäftigten erhalten praktisch nichts und sind natürlich auch nicht versichert, was einen großen Sozialbetrug darstellt. Die circa 75.000 unangemeldeten Arbeiter haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und leben von den Gemüseabfällen und der Solidarität ihrer Kollegen. Sie können sich mit dieser Ausbeutung aber an kaum jemanden wenden, weil sie sich illegal im Land aufhalten. Es gibt für die ganze Region 15 Arbeitsinspektoren, aber wirkliches Vertrauen haben die Arbeiter nur zu den Leuten von der andalusischen Landarbeitergewerkschaft SOC.

derStandard.at: Grenzen solche Zustände nicht an Sklaverei?

Ziegler: Was wir dort gesehen haben, ist Sklaverei. Die Tagelöhner werden am Arbeiterstrich wie Tiere nach ihrer körperlichen Verfassung ausgewählt. Die Unternehmer spielen die Arbeiter auch untereinander aus, weil sie natürlich wissen, dass es irgendwer immer noch billiger macht, um zumindest ein paar Euro zu verdienen. Noch schlimmer wird das natürlich jetzt, wo die Haupterntezeit vorbei ist und die verfügbare Arbeit und die Löhne weiter sinken. Jetzt in der Nebensaison wird nur mehr ein Bruchteil von den Mengen im Winter angebaut, wo in 32.000 Gewächshäusern Tomaten, Paprika und Gurken angebaut und nach ganz Europa geliefert werden.

derStandard.at: Wie war der Kontakt zu den Arbeitern?

Ziegler: Die Arbeiter leben in sogenannten "Chabolas", Behausungen aus Plastikmüll, versteckt zwischen den Plantagen. Es gibt dort keine Straßennamen und man würde diese Siedlungen nicht finden, wenn man sich in der Gegend nicht auskennt. Unsere Kontakte haben uns dort hingebracht und die Arbeiter hatten zuerst Angst vor uns. Als sie aber gemerkt haben, dass wir uns für ihre Situation interessieren, haben uns einige von ihnen spontan eingeladen und das war für mich am beeindruckendsten und berührendsten an der ganzen Reise: Sie haben uns mit einer solchen Herzlichkeit empfangen, Tee gekocht und Fladenbrot angeboten, obwohl sie selbst zwischen Müllbergen und Pestizidkanistern in bitterer Armut leben. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Duschen. Die Stromkabel, wenn es überhaupt welche gibt, liegen offen über der Erde und Schotterstraßen.

derStandard.at: Woher kam die ursprüngliche Angst vor Ihrer Gruppe?

Ziegler: Die Arbeiter sind anfangs allen Außenstehenden gegenüber misstrauisch, weil sie grundsätzlich sozial isoliert sind und an der Gesellschaft nicht teilnehmen dürfen. Sie werden von vielen Einheimischen für Krankheiten und Kriminalität verantwortlich gemacht. Es gibt dort Hetzkampagnen und rassistische Übergriffe, bei denen regelmäßig Hütten niedergebrannt werden.

derStandard.at: Mit welcher Motivation, mit welchen Träumen kommen die Arbeiter nach Europa?

Ziegler: Eine der Arbeiterinnen, die uns eingeladen hat, erzählte von ihrer früheren Arbeit in Afrika. Dort verdiente sie fünf Euro am Tag in einer Sardinenfabrik. Sie hat vom reichen Europa geträumt, aber nachdem sie hier angekommen ist, hat sie gemerkt, dass es keine Verbesserung war. Sie war nicht die einzige, die gesagt hat, dass sie diesen Schritt bereut und am liebsten einfach heim will. Sie können aber nicht so einfach zurück, weil sich ihre Angehörigen für die Überfahrt bei Schleppern und Banken hoch verschuldet haben. Also schauen sie, dass sie jede Arbeit machen, die sie kriegen können, um Geld nach Hause zu schicken.

derStandard.at: Spielt hier auch Scham vor ihren Familien mit, es in Europa nicht geschafft zu haben?

Ziegler: Ja, viele versuchen daheim das Image aufrechterhalten, hier erfolgreich zu sein, weil sie so unter Druck stehen. Bei Frauen ist dieser Druck noch weit größer, denn sie zahlen für den Schlepper nicht wie ein Mann zehn- bis zwölftausend Euro, sondern bis zu 40.000 Euro. Der Grund ist: Wenn ein Mann in den Gewächshäusern keinen Job mehr bekommt, lässt sich nicht mehr viel Geld holen. Frauen landen aber früher oder später in der Prostitution und die Chance ist einfach größer, dass sie den Betrag zurückzahlen können. Zur Verschuldung tragen aber auch die Gemüseproduzenten selbst bei. Sie verkaufen Arbeitsverträge, an die auch Aufenthaltsgenehmigungen gekoppelt sind, nach Afrika und je nach Angebot und Nachfrage variiert der Preis für so ein Papier. Momentan liegt er bei 13.000 Euro.

derStandard.at: Also ein von Spanien und der EU abgesegnetes Schlepperwesen?

Ziegler: Die Behörden wissen natürlich, dass man auf diese Arbeiter angewiesen ist, weil kein Spanier um ein paar Euro täglich auf der Plantage arbeiten und die Gemüseproduktion sonst zusammenbrechen würde. Wir wollten auch einen Lokalpolitiker damit konfrontieren, mit dem ein Termin ausgemacht war. Er hat uns genauso wie ein Plantagenbesitzer kurz davor abgesagt. Für diese Verhältnisse kann man aber den Arbeitgebern allein auch nicht die Schuld zuschieben. Die Großgrundbesitzer profitieren von der reinen Menge, die sie herstellen können. Wir haben aber auch einen Bauern mit nur ein paar Hektar Feldern besucht und der kämpft selbst ums Überleben. Für ein Kilo Tomaten hat er im Mai durchschnittlich fünf Cent bekommen und durch die Ehec-Krise, die kurz nach unserer Abreise ausgebrochen ist, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Der Differenzbetrag zu unserem Einzelhandelspreis bleibt bei Zwischenhändlern und Supermarktketten hängen.

derStandard.at: Gibt es einen realistischen Ausweg aus der Misere?

Ziegler: Die effektivste Methode wäre wahrscheinlich, bewusst einzukaufen. Wenn wir aufhören, zu jeder Jahreszeit jedes Obst und Gemüse zum billigsten Preis haben zu wollen – von dem wir dann ohnehin wieder viel wegwerfen –, und stattdessen kleinere Mengen aus fairer Produktion kaufen würden, wäre die Situation wahrscheinlich schon anders. Und wir können auch versuchen, die Supermarktketten unter Druck zu setzen. In der Schweiz haben die Ketten Coop und Migros auf den Kundendruck reagiert und ihr Sortiment bei nicht-heimischer Herstellung in Richtung fairem Handel und sozialen Standards bei der Produktion umgestellt. Auch der Präsident des Biobauernverbands hat bei unserem Besuch gesagt: "Wichtig ist, dass die Bauern die Entscheidungsmacht über den Preis haben. Dadurch könnte eine Allianz zwischen Arbeitern, Konsumenten und Bauern gegen die Unternehmer entstehen. Die derzeitige Europapolitik gefährdet die Ernährungsgrundlagen."

derStandard.at: Welche Pläne hat der Verein "Weltumspannend Arbeiten" in nächster Zeit?

Ziegler: Es werden weiterhin solche Reisen organisiert. Aber auch das Projekt Almería ist noch lange nicht abgeschlossen und soll eine nachhaltige Wirkung haben. Wir werden ab Herbst Vorträge halten und Ausstellungen organisieren. Außerdem wurde auf den Feldern und in den Hütten gefilmt. Anfang Oktober soll ein Kurzfilm über die Situation in Almería erscheinen, der Schülern bei Workshops gezeigt wird und in einer Auflage von rund 2.000 Stück auch gegen freiwillige Spenden erhältlich sein wird. Die Einnahmen gehen an die SOC, die damit einen Arbeitsplatz in einem regionalen Büro finanzieren wird. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 27.6.2011)