Bern - Der Schweizer Geheimdienst geht davon aus, dass der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) von salafistischen Organisationen im Ausland finanziert wird. Die Rede sei auch von Saudi-Arabien, berichtet die "SonntagsZeitung". Ein Jahr lang sei der IZRS observiert worden. Anlass dazu gaben Anhänger, die "bereits früher durch Aktivitäten im islamistischen Umfeld oder durch Verbindungen in dieses Umfeld aufgefallen waren", heißt es in einem Bericht des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB), welcher dem Blatt nach eigenen Angaben vorliegt.

IZRS-Sprecher Abdel Azziz Qaasim Illi, ein konvertierter Schweizer, der ursprünglich Patric Jerome Illi hieß, bezeichnete die Finanzierung aus dem Ausland als "Blödsinn". Mitglieder- und Gönnerbeiträge sowie Spenden kämen aus der Schweiz. "Es wäre ja wunderbar, wenn uns Saudi-Arabien finanziell unterstützen würde - nötig hätten wir es", ergänzte er. Zwar pflege man Kontakte zur saudischen Botschaft, doch die vom Religionsministerium versprochenen 1.000 Korane seien noch nicht geliefert worden.

Das Blatt zieht die "prekären" finanziellen Verhältnisse des IZRS in Zweifel. Im Februar veranstaltete der Rat eine Jahreskonferenz, die 120.000 Schweizer Franken (rund 101.000 Euro) gekostet habe. Eine weitere Großveranstaltung sei geplant. In Bern unterhält der Islamische Zentralrat zudem einen Geschäftssitz mit Büros, verfügt über ein Auto des britischen Herstellers Jaguar und übernimmt Verfahrenskosten seiner Mitglieder wie im Fall eines Offiziers, der von der Armee als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte im Mai den Entscheid der Armeefachstelle. Nicht die religiöse Überzeugung des Offiziers sei problematisch, sondern die Art, wie er seinen Glauben praktiziere.

Zudem reichen die Mittel des IZRS auch, um anderen Vereinen zu helfen. Das Blatt erwähnt das für heute, Sonntag, angesetzte Seminar des Vereins Islamische Jugend in Luzern. Als Prediger sollte Abu Jibril aus Deutschland auftreten, der für die deutschen Sicherheitsbehörden als radikalislamischer Salafist gilt. Jüngst hat der Vorsitzende der deutschen Innenministerkonferenz, Boris Rhein, ein härteres Vorgehen gefordert: Die salafistische Ideologie sei ein Dreh- und Angelpunkt für jene, die sich am sogenannten "Heiligen Krieg" beteiligen wollen, sagte der hessische CDU-Innenminister.

Die Schweizer Behörden beurteilen den "mit den deutschen Salafisten eng verbundenen" IZRS milder, vermeldet dazu die "SonntagsZeitung". Das sogenannte Prüfverfahren des Nachrichtendienstes wurde Anfang Mai eingestellt. Der IZRS werde nicht auf die vertrauliche Beobachtungsliste mit Organisationen gesetzt, welche die innere oder äußere Sicherheit der Schweiz potenziell gefährden. Der NDB konnte die Frage nicht klären, ob sich radikale Gotteskrieger im Umfeld des IZRS konspirativ vernetzen und ob für den "heiligen Krieg" rekrutiert wird.

Der bekannte Islam-Experte Reinhard Schulze von der Universität Bern erklärte in der "SonntagsZeitung", Radikalisierungsprozesse seien nicht direkt mit dem IZRS in Verbindung zu bringen. "Dies schließt aber nicht aus, dass er durch seine Islamdeutung ein Milieu anspricht, wo sich einzelne selbst ermächtigen, den Jihad als Lebensziel zu wählen."

Auf seiner Webseite zeigte sich der IZRS am Sonntag laut einem Kommunique "verwundert" über die Veröffentlichung eines "vertraulichen Dokuments" aus dem direkten Umfeld von NDB-Direktor Markus Seiler. Der Zentralrat prüfe rechtliche Schritte gegen diese "Diffamierungskampagne". Möglicherweise liege eine Amtsgeheimnisverletzung vor. Mit "Genugtuung" nimmt der IZRS hingegen zur Kenntnis, dass der Nachrichtendienst zum Schluss gekommen sei, ihn nicht als gefährlich einzustufen.

In der Schweiz leben geschätzte 400.000 Muslime. Nur rund 15 Prozent davon praktizieren ihren Glauben und sind in religiös ausgerichteten Vereinen organisiert.

Der IZRS mit wenigen hundert Mitgliedern wurde im im Oktober 2009 gegründet. Präsident ist Nicolas Blancho aus der Stadt Biel (Kanton Bern). Laut Experte Schulze bezieht sich die IZRS-Spitze auf sunnitische, wahhabitische Interpretationen, wie sie in Saudi-Arabien gepflegt werden. (APA)