Alle sind sich einig: Seit der Finanzkrise fällt Europa beim Volk durch. Euro-Finanzhilfen führen direkt zu Wahlniederlagen, entfachen Stürme der Entrüstung und geben Populisten Auftrieb. Es zeigt sich deutlich: Euro-Rettung und mehr finanzpolitische Zusammenarbeit sind kaum möglich, wenn dann heimlich und durch die Hintertür. Nur: wenn man politisch engagierte Jugendliche in Europa fragt, sagen sie das genaue Gegenteil.

1.213 Jugendliche aus 35 Ländern Europas haben beim European Youth Poll ihre Meinung gesagt, und die ist klar: Mehr Europa, also eine echte wirtschaftliche und finanzpolitische Integration ist die Antwort auf die Eurokrise. 91 Prozent stimmen dieser Aussage zu. Kostet ja auch nichts, könnte man meinen. Aber was ist mit der Transferunion, dem Reizthema vor allem in der deutschen Debatte? Immer noch 74 Prozent der Befragten sehen sie als Teil der europäischen Solidarität. Selbst unter den deutschen und nordeuropäischen Teilnehmern ist die viel zitierte Bürgerwut nicht zu spüren, sie stimmen mit ihren Altersgenossen aus Griechenland, Irland und Portugal überein.

Der Länderfinanzausgleich sorgt auch für Ärger

Dabei sind hier keine euroenthusiastischen Ja-Sager am Werk. Auf die Frage nach neuen EU-Erweiterungsrunden ist die Mehrheit der alten Mitgliedstaaten derzeit sogar gegen die Aufnahme neuer Mitglieder (51 Prozent, gegenüber 44 Prozent Zustimmung).

Die Vorstellung von den euroskeptischen Wutbürgern, die um jeden Preis besänftigt und politisch verhätschelt werden müssen ist demnach übertrieben. Natürlich, die Menschen in Deutschland und den anderen Geberländern werden nicht ohne mit der Wimper zu zucken eine europäische Wirtschaftspolitik gutheißen, die sie Geld kostet. Das ist aber auch ein absurder Maßstab, denn noch nicht einmal der Länderfinanzausgleich funktioniert so geräuschlos.

Doch wir leben in einem Europa, dessen junge Bürger sich an Grenzkontrollen gar nicht mehr erinnern, und für die schon bald nationale Währungen und ein Studium in nur einem Land Relikte aus grauer Vorzeit sein werden. Sie wickeln sich nicht gleich in das blau-gelbe Sternenbanner, und auch zieht niemand die Europahymne trällernd über den Brüsseler Place Luxembourg. Doch entgegen aller Vorurteile kennen die europäischen Bürger die Vorteile ihres Gemeinschaftsprojekts. Und wie auf nationaler Ebene auch, sind sie bei öffentlichen Ausgaben zwar höchst kritisch, aber auch bereit, Kosten für wichtige Programme zu tragen.

Vernunft statt Populismus

Zur erschreckenden Mutlosigkeit der politischen Eliten beim Thema Europa hat Jürgen Habermas schon vor einem Jahr in der "Zeit" alles Wichtige gesagt. Was die Sache zusätzlich tragisch macht, ist, dass Unterstützung vorhanden wäre. Es gibt Menschen, und es sind nicht nur die Jungen, die eine Europapolitik der Vernunft erwarten, und die davon argumentativ überzeugt werden möchten. Politikerworte, aus denen die Angst vor dem Populismus nur so trieft, erreichen das Gegenteil.

In unserer Umfrage haben wir auch die Frage gestellt, was mit Schuldenstaaten passieren sollte. Satte 85 Prozent entschieden sich für Hilfe, die an strikte Bedingungen geknüpft wird. Mit anderen Worten: für die realpolitische Position. Es geht nicht um unkritische Euro-Begeisterung. Aber wenn die deutsche und europäische Politik weiter bloß angstvoll den Populisten in die Karten schielt, dann vergisst sie eine schlafende Mehrheit. Die Gruppe derer nämlich, die mit ernsthaften Argumenten für vernünftige und wohl abgewogene Maßnahmen zu gewinnen wären. (derStandard.at, 27.6.2011)