Türkisch stellt ein Beispiel für eine sprachliche Praxis dar, die wie Bosnisch-Kroatisch-Serbisch oder Tschetschenisch auf Grund von Migrationsbewegungen zu einem verbreiteten und dauerhaften Bestandteil österreichischer Wirklichkeit geworden ist. Wie in allen anderen Migrationskontexten findet auch in Österreich eine sprachliche Pluralisierung statt. Auch wenn man gegen diese Pluralisierung sein mag, so wäre es doch töricht, ihre Existenz in Abrede zu stellen.

Welchen Stellenwert haben Migrationssprachen wie das Türkische?

Migrationssprachen stellen gelebte Realitäten in Österreich dar und sind für viele seit Langem und in mehreren Generationen in Österreich lebende Menschen eine bedeutsame Ressource der konstruktiven Bewältigung ihres nicht immer leichten Alltags. Insofern sind Türkisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch oder Tschetschenisch keine Fremdsprachen in Österreich. Es sei denn, man wollte mit einem Streich einen Teil der österreichischen Bevölkerung zu Fremden und damit zu Nicht-Bevölkerung erklären. Dies aber wäre rassistisch, und dies kann auch in Österreich keine legitime öffentliche Position sein. Bildungspolitik und Bildungspraxis sollten der gegebenen sprachlichen Pluralität nüchtern und rational begegnen, also weder schwärmerisch noch verteufelnd.

Vor dem Hintergrund vieler Studien, die darauf verweisen, dass Migrationssprachen für die Individuen wie auch für die Gesellschaft insgesamt wertvolle Ressourcen darstellen, macht der wertschätzende Umgang mit den vielen Sprachen und Varietäten der österreichischen Gesellschaft (auch österreichische Dialekte) Sinn. Diese Wertschätzung für die Sprachen ist im übrigen auch eine pädagogische Voraussetzung für das Erlernen des Deutschen als Zweitsprache.

Sollten Schüler/innen in Österreich Deutsch lernen?

Alle Schüler/innen, die das österreichische Schulsystem besuchen, sollten Deutsch lernen. Gewiss; aber nicht, weil es einen wesenhaften Vorrang der deutschen Sprache bzw. deutschsprachiger Dialekte gibt, sondern allein aus dem Grund, dass Varianten des Deutschen auch in Österreich die überregionale amtliche Verkehrssprache darstellen und auch in der von uns absehbaren Zeit darstellen werden. Insofern benötigen wir ein (schulisches) Bildungssystem, das allen Schülern und Schülerinnen ermöglicht, ein instrumentell angemessenes (durchaus mit migrationsspezifischen Anteilen versetzt, wie z.B. Akzenten) Deutsch in Wort und Schrift zu erlernen.

Abwegig, zynisch oder böse ist hierbei, die Schülerinnen und Schüler (oder deren Eltern), gleich ob sie nun als mit und ohne "Migrationshintergrund" gelten, allein für den Erwerb des Deutschen verantwortlich zu machen. Es ist die Aufgabe des schulischen Systems, sich so auf die Schülerinnen und Schüler Österreichs einzustellen, dass diese in der Schule auf Grund pädagogischer Strukturen ein funktional angemessenes Deutsch in Wort und Schrift erlernen.

Im Hinblick auf die bildungssprachliche Förderung von Kindern, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, sind in den letzten Jahren positive Ansätze in Österreich zu verzeichnen. Von einer ausreichenden Unterstützung des Erwerbs des Deutschen als Zweitsprache kann jedoch nicht gesprochen werden. Klar ist: Jede und jeder sollte in Österreich die strukturelle Chance erhalten, Deutsch so zu erlernen und zu sprechen, dass Handlungsfähigkeit in verschiedenen sprachlichen Qualifikationsbereichen gewährleistet ist.

Förderung bestimmter Schüler/innen kann aber nicht gelingen, wenn die Schule ansonsten die gleiche bleibt und die migrationsgesellschaftliche Realität weiterhin ausblendet. Das Bildungssystem muss sich grundlegend ändern. Hierzu liegen viele Vorschläge und Erfahrungen vor. Auf diese einzugehen, gebietet die Maxime, der eine demokratische Bildungspolitik verpflichtet sein muss, nämlich: sich für die Mehrung von Bildungsgerechtigkeit einzusetzen. (Interuniversitäre Arbeitsgruppe "Sprache, Migration und Rassismuskritik", derStandard.at, 28.06.2011)

Link zur Langfassung der Stellungnahme: http://www.uibk.ac.at/ezwi/mitarbeiterinnen/paul_mecheril/stellungnahme-der-ag-sprache-migration-und-rassismuskritik.pdf