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Christine Lagarde ist seit ihrer Anwaltszeit in Chicago bestens in den USA vernetzt. Die französische Finanzministerin bringt auch ökonomischen Sachverstand und viel Gespür für Diplomatie in den neuen Job als Chefin des Internationalen Währungsfonds mit.

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Die Französin Christine Lagarde wird neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das IWF-Direktorium gab am Dienstagabend bekannt, dass sie für den Posten ausgewählt worden sei und ihre fünfjährige Amtszeit am 5. Juli antreten wird. Lagarde ist damit die erste Frau an der Spitze des wichtigen Kreditgebers für in Not geratene Länder. Sie folgt auf ihren Landsmann Dominique Strauss-Kahn, dem ein Sexualdelikt vorgeworfen wird.

Die Wahl Lagardes war erwartet worden, nachdem sich nach China und Russland kurz vor der entscheidenden Sitzung des Exekutivrats auch die USA und Brasilien hinter die europäische Kandidatin gestellt hatten. Einziger Gegenkandidat war der mexikanische Zentralbankchef Agustin Carstens. Beide seien vom Exekutivrat als "gut qualifizierte Kandidaten" eingestuft worden, heißt es in der Erklärung des IWF. Auf Grundlage des erwünschten Profils und "nach Berücksichtigung aller relevanten Informationen über die Kandidaturen" habe sich das 24-köpfige Gremium schließlich "im Konsens" für Lagarde entschieden.

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Profilächeln zur Begrüßung, trockener Handschlag - und schon bittet Madame la ministre um die erste Frage: Christine Lagarde kommt gern zur Sache, wenn sie Journalisten trifft. Für Belanglosigkeiten hat die französische Wirtschaftsministerin keine Zeit. Nur wenn man sie fragt, wie sie es schaffe, neben - genauer: unter - einem Wirbelwind wie Nicolas Sarkozy gelassen und lächelnd zu bleiben, überlegt sich die 55-jährige Französin plötzlich die Antwort. "Körperliche Fitness", meint die ehemalige Synchronschwimmerin und Yoga-Anhängerin dann. "Und die affektive Unterstützung durch den Partner und die Kinder."

Lagarde ist heute mit dem Marseiller Unternehmer Xavier Giocanti zusammen. Wobei "zusammen" ein großes Wort ist: Da die Ministerin meist international unterwegs oder zumindest in Paris ist, beschränkt sich ihr Kontakt oft tagelang auf den Austausch von SMS. Die Lebenspartner sind beide Juristen; sie kennen einander von der Uni, verloren einander danach aus den Augen, heirateten, hatten beide zwei Kinder - Lagardes Söhne Pierre-Henri (25) und Thomas (23) studieren heute - ließen sich scheiden ehe sie wieder zusammen fanden.

Angesichts ihrer internationalen Erfahrung passt die groß gewachsene, stets elegant gekleidete Französin bestens in die Chefetagen des Internationalen Währungsfonds in Washington, wo sie noch diese Woche als Generaldirektorin einzieht. Die frühere Vorsteherin der renommierten Anwaltskanzlei Baker & McKenzy in Chicago hat in der US-Geschäftswelt zahlreiche persönliche Freunde wie etwa den Computertycoon Michael Dell. Aber auch mit dem chinesischen Vize-Premierminister Wang Qishan ist sie gut befreundet. Mit ihrem internationalen Flair, ihrer ökonomischen Sachkenntnis und einem angeborenen Sinn für Diplomatie ist Lagarde fast prädestiniert für den IWF-Posten. Sie hat ihn erhalten, obwohl ihre Staatszugehörigkeit eher ein Nachteil war: Nach dem Rücktritt des IWF-Direktors Dominique Strauss-Kahn wegen seiner New Yorker Sexaffäre suchte die internationale Organisation nicht unbedingt in Frankreich für Ersatz.

Zudem klebt an Lagarde die Adidas-Tapie-Affäre wie ein Schönheitsfleck. Der Ministerin droht eine Anklage wegen Begünstigung, da sie dem ehemaligen Fußballmilliardär via Schiedsgericht eine Millionen-Entschädigung ermöglicht hatte. Das geschah nicht, weil sie es selber wollte, sondern weil ihr Vorgesetzter Nicolas Sarkozy darauf bestand, um sich aus wahlpolitischen Motiven mit dem Mittepolitiker Tapie gut zu stellen.

Keynes'sche Tradition

Dieses Sandkorn wird Lagarde aber kaum noch zum Stolpern bringen. Die charmante Französin steht in Sachen Ehrgeiz keinem ihrer Berufskollegen nach, und sie obsiegte bei diversen Personalkonflikten im Wirtschaftsministerium noch immer. So unbestritten ihre persönlichen Qualitäten, so offen sind ihre politischen Standpunkte. Wird sie den neoliberalen Sparflügel im IWF oder eher den sozialen Ansatz ihres Vorgängers DSK vertreten?

Wie häufig bei der wendigen Französin trifft beides zu. Sie machte bereits klar, dass Griechenland oder Portugal von ihr nicht mehr Entgegenkommen erwarten können, nur weil sie Europäerin ist. Gleichzeitig verhehlt sie nicht, dass sie in der französischen - das heißt auch keynes'schen - Tradition der Konjunkturankurbelung steht und von wachstumskappenden Schuldenbremsen nicht viel hält. Als Studentin wählte Lagarde links - 1981 etwa für den sozialistischen Staatschef François Mitterrand -, doch steht sie heute in Paris vor allem der konservativen Sarkozy-Partei UMP nahe. Beim IWF wird sie sich nicht mehr zwischen, sondern über die Fronten stellen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)