Alexander Wrabetz ist wenige Wochen vor der Wahl der einzige aussichtsreiche Kandidat für die künftige Führung des Hauses, nachdem RTL-Chef Gerhard Zeiler wegen politischer Blockaden gegen seine Person entnervt das Handtuch geworfen hat. Damit hat Wrabetz als erster ORF-General seit dem legendären Gerd Bacher beste Chancen auf eine Wiederwahl und eine zweite Amtszeit. Sollten die politischen Manöver rund um die Wiederwahl nicht doch noch in letzter Minute schief gehen, kann Wrabetz wohl mit 20 bis 25 Stimmen im 35-köpfigen ORF-Stiftungsrat rechnen. Am Donnerstag werden dazu mit der Ausschreibung des Postens die Weichen gestellt.

Dass Kanzler Werner Faymann und seine Vertrauten am Ballhausplatz und in der Löwelstraße trotz der Avancen des Ottakringer SPÖ-Urgesteins Zeiler so heftig an Wrabetz fest gehalten haben, dürfte allerdings nicht nur an der bisherigen Arbeit, der zunehmend besseren Performance und am taktischen Geschick des amtierenden ORF-Chefs liegen. Immerhin galt Wrabetz vor rund zwei Jahren bei den SPÖ-Granden noch als Ablösekandidat.

"Not amused"

Zum vorübergehenden Bruch mit Faymann kam es dem Vernehmen nach im Sommer 2008 wegen eines "ZiB 2"-Beitrags über die Berichterstattung der "Kronen Zeitung" über Faymann und die Rolle des Boulevardblattes im laufenden Nationalratswahlkampf. Unter medialem Begleitgetöse wurde der Beitrag zunächst aus dem Programm gekippt, einige Tage später adaptiert und doch gesendet. Der Kanzler soll darob "not amused" gewesen sein.

Die zunehmend schlechte Finanzlage des ORF bot in Folge den Anlass, den Generaldirektor zum Abschuss freizugeben. Wie in Wrabetz' Lieblingsarie "Mild und Leise" aus Wagners "Tristan und Isolde" hätte den bekennenden Opernliebhaber um ein Haar der "Liebestod" durch die eigenen Parteifreunde ereilt. Der ORF-Chef hielt sich jedoch - trotz des "Friendly Fire" aus der roten Reichshälfte, des ÖVP-Dauerbeschusses und eines zerstrittenen Direktorenteams im eigenen Haus - wacker im Sattel.

Mit Unterstützung des auf ÖVP-Wunsch neu ins Team geholten Finanzdirektors Richard Grasl zog Wrabetz den ORF-Karren in die schwarzen Zahlen - aus einer tiefroten Bilanz wurde ein ausgeglichenes Ergebnis, und auch die zuletzt chronisch defizitäre Konzernmutter bilanzierte 2010 erstmals wieder ausgeglichen. Das zwischenzeitlich verloren gegangene Vertrauen der SPÖ konnte Wrabetz außerdem nach und nach zurückholen, indem er bei wesentlichen Personalentscheidungen qualifizierte Kandidaten ernannte, die auch auf der roten "Wunschliste" meist ganz oben standen, von Radiodirektor Karl Amon bis Fernseh-Chefredakteur Fritz Dittlbacher. Zuletzt begann auch die ÖVP-Totalblockade gegen Wrabetz mangels Aussicht auf Erfolg zu bröckeln. Öffentliche Sympathiebekundungen aus höchsten ÖVP-Reihen gab es etwa von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, der derzeit in der ÖVP den Ton angibt und mehrmals Lob an Wrabetz verteilte.

Unterstützung

Die Unterstützung für den ORF-Chef könnte damit noch breiter werden als bei der Wahl 2006. Damals wurde der Kaufmännische Direktor Wrabetz von einer "Regenbogenkoalition" aus roten, orangen, blauen, grünen und unabhängigen Stiftungsräten gegen den Widerstand der ÖVP und gegen seine Chefin Monika Lindner gewählt. Die Zusammensetzung der Geschäftsführung spiegelte diese Mehrheitsverhältnisse wieder. So wenig Team war in einer ORF-Führung nie, das Direktorium galt von Anfang an als zerstritten, und so manche Wegbegleiter blieben im gegenseitigen Infight auf der Strecke, darunter Informationsdirektor Elmar Oberhauser und Wrabetz' enger Vertrauter, Kommunikationschef Pius Strobl. Auch mit Programmdirektor Wolfgang Lorenz krachte es wiederholt und manchmal in einer Tonart, die an die Doku-Soap-Formate von Privatsendern erinnern ließ. "Du hast es wieder einmal nicht lassen können, das Unternehmen anzubrunzen", rüffelte Wrabetz seinen Programmdirektor im Februar.

Die Programmbilanz von Wrabetz' erster Amtszeit fällt durchwachsen aus. Vor allem zu Beginn waren mit der "größter Programmreform aller Zeiten" einige Stolperer verbunden. Darunter die bald eingestellte Daily-Soap "Mitten im Achten", die als "Herzstück" der ambitionierten aber glücklosen Programmreform verkauft wurde, oder die Talk-Sendung "Extrazimmer". Auch die später ins Programm gehievte Society-Sendung "Chili", für die Dominic Heinzl mit großem Tamtam von ATV geholt wurde, kämpfte mit den täglichen Mühen der Quotenebene. Demgegenüber stehen Dokumentationen und Kultursendungen wie Wrabetz' Lieblingsoper "Tosca", die auf attraktiveren Sendeplätzen programmiert wurden. Außerdem wurde die Comedy-Leiste des Senders mit mutigen Formaten wie "Wir sind Kaiser" oder "Willkommen Österreich" bespielt und mit "Schnell ermittelt" eine neue unkonventionelle Krimiserie gestartet, die beim Publikum großen Anklang findet.

Auf der Habenseite kann Wrabetz außerdem die ORF-Information verbuchen. Sie wurde unter ihm und dem geschassten Informationsdirektor Oberhauser wieder aus dem Gerede gebracht. Objektivität und Unabhängigkeit der ORF-Informationssendungen gelten in der Branche über weite Strecken als unbestritten. Die Durchschaltung der "Zeit im Bild" wurde beendet, im Gegenzug eine Info-Schiene auf ORF eins errichtet.

Kritik

Dass Wrabetz zuletzt wegen seines zerbröselten Direktoren-Teams auch die Funktionen des Informationsdirektors sowie des Technischen Direktors übernommen hat, sorgte zum Teil für Kritik. Seit dem Abgang Oberhausers wird ORF-intern auch wieder vermehrt über politische Zugriffsversuche auf die Berichterstattung geklagt. So brauchte es etwa zwei Tage und intensive redaktionsinterne Diskussionen, bis die Hauptnachrichtensendung "Zeit im Bild" einen Beitrag über den SPÖ-Rückzieher bei der Wehrpflicht-Volksbefragung ins Programm rückte. Positiv wird unterdessen Wrabetz' Rolle in der Skinhead-Affäre vermerkt. Er selbst ordnete unter zunehmendem Druck der Justiz an, die Herausgabe der von der Staatsanwaltschaft geforderten ORF-Bänder zu verweigern. Der Oberste Gerichtshof gab dem ORF recht und stärkte das Redaktionsgeheimnis für die gesamte Medienbranche.

Umtriebig war Wrabetz als oberster ORF-"Lobbyist". Das EU-Beihilfeverfahren wurde ohne größere Beschneidungen des öffentlich-rechtlichen Senders abgeschlossen, von der heimischen Politik gab es grünes Licht für die Gebührenrefundierung und fast wie in alter Bacher-Manier kann der ORF-Chef demnächst mit dem Kultur- und Informationssender ORF III sowie mit ORF Sport plus zwei neue Spartenkanäle starten. Mit der möglichen Übersiedelung an einen neuen Standort und dem Bau eines neuen ORF-Gebäudes in St. Marx könnte Wrabetz in seiner zweiten Amtsperiode auch eine architektonische Wegmarkierung setzen, die ihn in Bacher'sche Sphären treiben könnte.

Privat ist der dreifache Vater mit einer Ärztin verheiratet, mit der er immer wieder bei gesellschaftlichen Ereignissen zu sehen ist. Wrabetz wurde am 21. März 1960 in Wien geboren. Seine Karriere startete er im Bankenbereich. Von 1987 bis 1992 war Wrabetz als Assistent des Vorstands der Österreichischen Industrieholding AG für Hugo Michael Sekyra tätig, 1992 zog er als Geschäftsführer in das ÖIAG-Handelshaus Intertrading ein, von dort wechselte er als Vorstand zur ÖIAG-Tochter Vamed. Darüber hinaus übernahm er diverse Aufsichtsratsfunktionen innerhalb der ÖIAG und war Mitglied des ORF-Kuratoriums, bevor er 1998 von Generalintendant Gerhard Weis als Kaufmännischer Direktor in den ORF geholt wurde. Der promovierte Jurist stammt aus einem freiheitlichen Elternhaus, dockte aber früh bei der SPÖ an. Er war Bundesvorsitzender der SPÖ-Studentenorganisation VSStÖ und organisierte 1983 den erfolgreichen Vorzugsstimmen-Wahlkampf für den heutigen SPÖ-Mediensprecher Josef Cap. Seine Parteimitgliedschaft in der SPÖ hat Wrabetz mit seinem Amtsantritt als Generaldirektor ruhend gestellt. (APA)