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Frischmuth: "Die Integrationspolitik orientiert sich wenig an den Menschen. Ich werde öfter um meine Meinung gefragt, aber die Medien wollen nur verknappte Diskussionsbeiträge."

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Wolkenverhangen ist das Ausseerland an diesem Tag im Juni, die Pracht in Barbara Frischmuths Garten ist dennoch ungebrochen: Klematis, Lupinen, Aurikel, Pfingstrosen, Rosen. Nach dem Regen sieht alles aus wie frisch gewaschen. Vogelgezwitscher im Ohr und der Loser direkt vor der Haustür. Mit dem eigenen Gemüse hat sie wieder aufgehört, sagt Frischmuth auf einem Rundgang ums Haus, das sei ihr langsam zu viel, aber frische Erdbeeren hat sie uns heute schon gepflückt ...

Standard: Frau Frischmuth, wie viel Zeit verbringen Sie im Garten?

Frischmuth: Das will ich gar nicht wissen. Wenn ich rausgehe, vergesse ich die Zeit. Ich mache diesen Garten seit über 20 Jahren. Das Haus wurde 1988 erbaut, da war rundherum nur Wiese. Es fing damit an, dass ich mir erst einen Festmeter Gartenliteratur kaufte und zu experimentieren begann.

Standard: Ist Altaussee ein guter Boden?

Frischmuth: Na ja, ich möchte das Geld haben, das ich schon in Erde investiert habe. Neugierig wie ich bin, habe ich versucht, alles selber zu machen. Die Pflanzen zeigen einem schnell, was man falsch macht. Sie sind ein wunderbares Korrektiv.

Standard: Sie sind 1998 von Wien nach Altaussee gezogen. War das eine Rückkehr in Ihre Kindheit?

Frischmuth: Ich hatte immer einen starken Aussee-Bezug. Seit mein Sohn auf er Welt war, hatten wir die Sommer hier verbracht. Ich dachte, ein Kind gehört im Sommer aufs Land. Für ihn ist allerdings Altaussee nicht das Paradies gewesen. Er hat schon mit drei gesagt: Mama, ich bin ein Wiener. Es war nie meine Absicht, ganz hierher zurückzuziehen. Aber ich kann hier gut arbeiten.

Standard: Wie sieht Ihr Altaussee-Arbeitsalltag aus?

Frischmuth: Der ist sehr strukturiert. Der Vormittag gehört Haus und Garten. Dann esse ich und lege mich hin. Am Nachmittag muss ich recherchieren oder lesen. Ich schreibe abends, da ist es am ruhigsten. Meine Freunde wissen Bescheid und rufen höchstens in Notfällen an. Hier in Altaussee gehören die Abende mir. Auf Reisen ist das anders.

Standard: Ist Ihnen dieser Garten genug, oder müssen Sie reisen?

Frischmuth: Unbedingt. Mir ist leider nichts genug, aber die Physis setzt Grenzen, so muss ich auf Fernreisen zunehmend verzichten. Im Alter muss man Abstriche machen.

Standard: Wie schmerzlich ist es, den Garten alleinzulassen?

Frischmuth: Ich reise im Winterhalbjahr. Wenn ich im Sommer unterwegs bin, stehe ich dann offenen Mundes vor einem Dschungel, der entstanden ist, und muss mit der Schere dazwischengehen, weil sich die Pflanzen sonst gegenseitig umbringen. Die Strategien der Verdrängung sind wie bei den Menschen. Der Garten ist nicht Natur pur, da draußen würden die meisten meiner Pflanzen nicht überleben.

Standard: Das Salzkammergut ist kein unumstrittenes Pflaster. Stichworte: Engstirnigkeit, Xenophobie etc. Wie geht es Ihnen damit?

Frischmuth: Die Engstirnigkeit existiert, aber es existiert auch viel anderes. Die Ausseer reisen viel, und manchmal überrascht mich ihre Aufgeschlossenheit sogar. Durch das Literaturmuseum, für das ich mitverantwortlich bin, habe ich wieder mehr Kontakt zu den einheimischen Frauen, die zahlreich und ehrenamtlich mitarbeiten. Da wir kein Budget haben, müssen wir für jede Veranstaltung Geld auftreiben. Es ist viel Arbeit damit verbunden, aber es ist erfreulich, wie sich das Museum entwickelt hat. Und beim Salinen-Stipendium ist mir wichtig, dass das nicht nur an Literaturwissenschafter, sondern auch an Zeitgeschichtler vergeben wird. Diese Schiene der Aufarbeitung lasse ich nicht aus.

Standard: Haben Sie das Gefühl, dass sich in Sachen Streitkultur in Österreich etwas verbessert hat?

Frischmuth: Die Podien z. B. zum Thema Integration sind immer hochkarätig besetzt, aber selten mit Menschen, die man integrieren will. Das ist ein Zeichen dafür, wie sehr wir noch auf der Deutungshoheit bestehen, wie wir bestimmen wollen, welche Probleme diese Menschen haben dürfen und welche nicht. Die Integrationspolitik orientiert sich zu wenig an den Menschen und deren Problemen. Ich werde auch öfter um meine Meinung gefragt, aber die meisten Medien wollen nur verknappte Diskussionsbeiträge. Kopftuch: Ja oder Nein? EU-Beitritt der Türkei: Ja oder Nein? Islam: gut oder böse? Zwischentöne unerwünscht. Es gibt vieles, das auch ich kritisiere. Aber der Streit im Sinn von eine Lösung "erstreiten" wird dabei zu wenig geübt.

Standard: Sind die Österreicher fremdenfeindlicher als andere?

Frischmuth: Als manche andere. Das sieht man schon an der Abwehrhaltung gegen Flüchtlinge. Damit meine ich nicht, dass man Zuwanderer verklären soll. Warum sollten sie die besseren Menschen sein, sie haben es schwer genug. Dennoch müssen auch sie ihren Beitrag zu einem Einvernehmen leisten. Es gibt zu wenige Intellektuelle, die sich mit dem Thema Zuwanderer genauer befassen. Es muss eine Lösung gefunden werden, die für alle tragbar ist, und das ist schwierig, aber auf die Strache-Tour geht es sicher nicht.

Standard: Macht der neue Staatssekretär Kurz Mut oder Sorgen?

Frischmuth: Er ist mir noch nicht unangenehm aufgefallen, außer dass er ein bisschen nach Schickimicki aussieht, aber auch da sind Vorurteile nicht angebracht. Dass er 24 ist, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Wenn er diese zweijährige Kindergartenpflicht durchsetzen kann, bin ich auf seiner Seite. Er hat aus Meidling eine gewisse Erfahrung mitgebracht und kann formulieren. Das können viele andere nicht.

Standard: Sie haben in der Türkei studiert und sie viel bereist. Was sagen Sie zur Beitrittsdebatte?

Frischmuth: Warum muss Österreich da vorpreschen und sich wichtig machen? Ich finde dieses populistische Aufwiegeln furchtbar. Das kleine Österreich tut, als wäre es die gesamte EU und könnte allein bestimmen, wer beitreten darf und wer nicht. Wenn schon von gebrochenem Handschlag die Rede ist: Es waren Verhandlungen vereinbart, und die haben geführt zu werden. Die türkische Politik ist in den vergangenen Jahren ziemlich effektiv gewesen, verglichen mit der Zeit davor. Man sollte sich besser informieren und von der absoluten Deutungshoheit abgehen. Die österreichische Nabelschau kann einem da schon auf die Nerven gehen.

Standard: Sie waren nicht nur längere Zeit in der Türkei, sondern immer wieder auch in Ägypten. In letzter Zeit sind Sie vielfach als politische Kommentatorin gefragt?

Frischmuth: Was ich gar nicht sein will. Aber wenn man mein Buch Vergiss Ägypten genauer liest, steht da schon vieles drin. Ich habe nur nicht mehr zu hoffen gewagt, dass die Ägypter sich endlich wehren. Ich wollte schon gar nicht mehr hinfahren wegen dieser überall spürbaren Lethargie. Als diese Revolution dann losging, war das wie ein Seufzer der Erleichterung. Aber es gab allein auf dem Tahrir-Platz an die 800 Toten. Die Frage ist, ob und wie die Ägypter, Tunesier, Libyer, Syrer usw. es schaffen werden, die politischen Verhältnisse in ihren Ländern dauerhaft in Richtung Demokratie zu verändern.

Standard: Gibt es noch Neuland, das Sie erkunden wollen?

Frischmuth: Für mich geht es im Moment, romanbedingt, eher zurück ins Salzkammergut. Bis auf mein Buch Einander Kind war ich da immer blockiert. Es gab ja in meiner Familie die verschiedensten Ausrichtungen, so ziemlich alles von links bis rechts, da würde ich gerne einen anderen Blick darauf werfen als den familiären.

Standard: Wird das ein autobiografischer Familienroman?

Frischmuth: So gut wie nicht, bis auf die Schauplätze, Altaussee, Wien, Istanbul. Der Roman geht über drei Generationen und berichtet eben nicht die Familiengeschichte. Aber durch die vertrauten Schauplätze fühle ich mich den Auseinandersetzungen näher, die dem Roman zugrunde liegen. Insofern geht es für mich zunehmend um Vertiefung und nicht mehr um Expansion. Das Problem ist, dass die Zeit immer schneller vergeht. Ich habe früher nie glauben wollen, dass sich das Zeitempfinden so verändern kann. Die Tage werden immer kürzer, je mehr man noch vorhat.

Standard: Konnten Sie diese Entwicklung mit Ihrem Umzug aufs Land ein bisschen bremsen?

Frischmuth: Vielleicht. Das für mich so Erstaunliche ist, dass ich heute sagen kann: Vor 50 Jahren war ich in Erzerum, und da war ich auch schon erwachsen.

Standard: Zur Entschleunigung: Sie schreiben Ihre Manuskripte mit der Hand ...

Frischmuth: ... ja, in Schreibbücher. Dann korrigiere ich zunächst mit der Hand. Erst dann tippe ich alles in den Computer. Es macht mich nervös, ein Gerät neben mir zu haben, das etwas von mir will, das leise summt, wo der Bildschirm sich verdunkelt und mir unauffällig sagt: Jetzt schau dazu! Das Schreiben mit der Hand hält besser mit meinen Gedanken Schritt.

Standard: Fotos von Ihnen aus den 60er-Jahren zeigen eine sehr selbstbewusste junge Frau, die sich in Männerdomänen starkmacht.

Frischmuth: Das war das, was ich lernen musste. Im Grazer Forum Stadtpark war ich die einzige Frau, da gab es keine Diskriminierung. In Wien hatte man es als Frau schwerer, da sollte man zumindest auch Groupie sein. Aber ich komme aus einer Familie, in der die Mutter - mein Vater war ja gefallen - das Hotel geführt hat. Und meine Tante war Schriftstellerin. Ich habe von den Frauenbildern in meiner Familie profitiert. Ich habe mich nie als Opfer gefühlt, zumindest nicht als Opfer meines Frauseins.

Standard: Bei Ihnen kommen immer Frauen vor, die stark sein und alles unter einen Hut bringen müssen, man hat Sie aber nie als Feministin bezeichnet.

Frischmuth: Ich bin eine "natural born" Feministin (lacht). Natürlich hab ich die Beauvoir gelesen und andere feministische Theoretikerinnen, aber ich hatte nie das Bedürfnis, eine Radikalfeministin zu sein. Ich wurde erst neulich von Ruth Klüger zu meinem Verhältnis zur Kirche gefragt, und ich habe ihr gesagt, dass ich vor Jahren ausgetreten bin, aber wenn mich der Pfarrer von Aussee um eine Lesung bittet, mache ich das. Ich bin ausgetreten, weil ich nicht Mitglied eines Vereins sein will, in dem ich nichts werden kann.

Standard: Stichwort Kirche. Ihr literarisches Debüt war 1968 "Die Klosterschule" im Suhrkamp-Verlag. Das war mehr eine kraftvolle Beschreibung der Verhältnisse und weniger eine Abrechnung ... Und immerhin hat dieses System Sie nicht schädigen können.

Frischmuth: In der Klosterschule gab es eine weibliche Hierarchie, die ich zwar ablehnte, aber es waren Frauen, die das Sagen hatten. Mir ging es im Buch vorrangig um eine vorgefertigte Sprache, die auf alles eine Antwort parat hatte und darum, sie zu entlarven. Die Welt der Klosterschule kannte ich am besten. Ich werde oft von jungen Menschen muslimischer Prägung gefragt, ob diese strenge Erziehung nicht etwas gebracht hätte. Dann sage ich: Etwas hat es damit schon auf sich. Ich habe gelernt, meine Sachen halbwegs in Ordnung zu halten, aber auch Timemanagement. Das hat mir später das Leben erleichtert, vor allem als alleinerziehende Mutter. Ich konnte mir die Zeit einteilen.

Standard: Hatten Sie je Angst, nicht mehr zu schreiben?

Frischmuth: Ich wusste immer, dass man in allen Situationen schreiben kann. Als ich in Ungarn studierte, war ich in einem Achterzimmer untergebracht. Ich habe auch dort Gedichte geschrieben, es war nur mühsamer. Kind und Schreiben ging. Kind, Schreiben und Reiten ging nicht, also habe ich aufgehört zu reiten. Diese Art von Entscheidungen bleiben einem nicht erspart.

Standard: Sie waren mit 19 mit einem türkischen Mann verlobt. Sie haben sich sicher die Frage gestellt, wie Ihr Leben verlaufen wäre.

Frischmuth: (lacht) Ja, das ist ein Stoff, der auch für die Literatur etwas hergibt. Und er lässt sich variieren, vor allem wenn man von sich weg schreibt und nicht immer nur auf sich zu.

Standard: Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?

Frischmuth: Ich habe nicht dissertiert. Ich hätte mich von Anfang an mehr auf die Orientalistik konzentrieren sollen. Sicherlich, dass ich mich habe überreden lassen, 1997 Jurorin beim Bachmannpreis zu sein. Ich war nicht gut. Ich habe mich nicht auf die Kritikerseite schlagen können. Ich habe nur gedacht: Wie kommt man als Autor dazu, sich so abwatschen zu lassen. Es war ein Fiasko. Rückblickend glaube ich auch, dass ich nicht immer alles, was mich interessiert hat, auch selber hätte machen müssen, aber man kann eben nicht aus seiner Haut.

Standard: Ihr Garten, haben Sie in einem Interview gesagt, bewahrt Sie vor der Selbstbezogenheit im Alter. Wie meinen Sie das?

Frischmuth: Wenn ich heute aufwache und mir tut etwas weh, habe ich kaum Zeit, mich damit zu beschäftigen, weil ich rauswill in den Garten, um zu sehen, was sich über Nacht verändert hat. Das Körperlich-gefordert-Sein tut gut. Ich betreibe keinen Sport, sondern den Garten. Ich gehe viel und schwimme, wenn das Wasser nicht zu kalt ist. Wenn ich viel sitze, kriege ich kalte Füße und kann mich nicht konzentrieren.

Standard: Sie waren Vorreiterin beim Trend "Zurück in die Natur".

Frischmuth: Mit zunehmender Technisierung benutzen wir unsere Sinne immer weniger. Das führt zu einem Ungleichgewicht. Nach Jahren im Garten gehe ich beim Unkrautrupfen meiner Nase nach. Ich wache morgens durch den Lärm der Vögel auf und weiß: Das waren jetzt die Spatzen, die hier unterm Dach nisten, die Meisen oder Rotkehlchen. Wir haben nun einmal fünf Sinne, also verwenden wir sie! Es ist eine alte Sehnsucht der Menschen, etwas selber zu machen. Alle diese neuen Medien sind Verlängerungen unserer Sinnesorgane. Aber das sollte nicht dazu führen, dass wir sie ausschalten und dadurch noch betrügbarer werden.

Standard: Der Garten, das Gehen - Rezepturen für ein gutes Alter?

Frischmuth: Es gehört auch dazu, dass ich mir jeden Tag etwas koche, auch wenn ich allein bin. Man verkommt, wenn man es nicht tut. Der Körper muss viel leisten, also muss man ihn gut behandeln.

Standard: Das klingt nach viel Disziplin.

Frischmuth: Da wären wir wieder bei der Klosterschule. Die Disziplin ist schon vor den 68ern vernadert worden, aber wenn man sich Schriftsteller, Maler, Musiker anschaut, hat ihre Arbeit immer mit Einsatz zu tun. Das Interessante ist, dass wir uns danach sehnen, nicht arbeiten zu müssen, aber ohne Arbeit nicht sein können. Mein Mann findet, dass ich inzwischen besser abschalten kann.

Standard: Sie leben in einer Fernbeziehung ...

Frischmuth: ... wir hatten immer eine. Man freut sich aufeinander, genießt die Zeit miteinander. Er ist als Neurologe und klinischer Psychiater tagsüber mit so viel Leid konfrontiert, dass er am Abend nicht mehr unbedingt reden will, sondern lieber liest. Auch ich arbeite für gewöhnlich abends.

Standard: Nächste Woche feiern Sie Ihren 70. Geburtstag ...

Frischmuth: ... was mich am Älterwerden stört, ist, dass ich fürchte: Das war's jetzt. Es wird keine großen Veränderungen mehr geben, keine Umzüge, keinen Länderwechsel. Mein Mann wird, wenn er in Pension geht, hierher kommen. Früher habe ich mir gerne neue Lebensentwürfe ausgedacht, heute schreibe ich sie nur noch. Wenn ich jetzt jünger wäre, würde ich vielleicht noch einmal woanders hinziehen. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD/Printausgabe, ALBUM 2./3. Juli 2011)