Wien - Schauplatz: eine Berliner Straßenbahn. Die Türen gehen auf, die Leute steigen ein. Ein Schwarzafrikaner setzt sich neben eine ältere Dame und sieht gedankenverloren aus dem Fenster. Nach einer Station fängt die Frau an, laut über den Fahrgast neben ihr zu schimpfen. Ein Pensionist nickt ihr zu, die anderen Fahrgäste reagieren nicht. Der Schwarzafrikaner fühlt sich immer unbehaglicher, bis plötzlich ein Kontrolleur die Fahrscheine verlangt.

Der Schwarzfahrer von Pepe Danquart, der 1994 den Kurzfilmpreis gewonnen hat, schildert eine Situation, die auch einigen Schülern der 2. Klasse der KMS Zinckgasse im 15. Bezirk bekannt ist.

Kulturelle Vielfalt leben

Um das friedliche Zusammenleben zu fördern, haben die Grünen des 15. Bezirks - unterstützt von SPÖ-Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal - ein Projekt ins Leben gerufen, das die Anti-Rassismus-Arbeit in Schulen fördern soll. Durchgeführt von Zara, dem Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, lernen die Schüler bei Workshops ihre eigenen Vorurteile zu reflektieren und mit kultureller Vielfalt umzugehen. "Zivilcourage bedeutet, den Mut zu haben, anderen zu helfen und sich einzumischen", erklärt Workshop-Leiterin Susi Bali den Schülern. In einem Sesselkreis sitzend diskutieren die Jugendlichen, nachdem sie den Film gesehen haben, was man bei solchen Ereignissen tun kann. Wild durcheinanderredend bringen sie ihre Vorschläge ein, wie zum Beispiel, dass man etwas Seltsames tun könnte, um den "Täter" abzulenken, dass man Hilfe holen oder mit dem "Opfer" reden könnte.

"Die Schüler haben sehr gute Ideen gebracht. Viele von ihnen waren selbst schon von Rassismus betroffen", sagt Bali, während die Schüler Übungen zu selbstbewusstem Auftreten durchführen. "Jemand, der mit aufrechten Schultern in der U-Bahn sitzt, wird seltener angepöbelt als einer, der in sich zusammengekauert im Sitz versinkt", führt Bali aus. Gehad (13) erzählt: "In der U-Bahn reden die Leute oft schlecht über mich wegen meiner Hautfarbe und dem Kopftuch." Der Workshop habe ihr geholfen, nicht sofort über andere Leute aufgrund ihres Aussehens zu urteilen. Ihr Klassenkollege Haydar (12) meint, er habe gelernt, mehr Respekt vor anderen zu haben. Für Mónica Adighibe, ehemalige Sozialarbeiterin und Jugendleiterin, ist es wichtig, dass sich die Kinder mit ihren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen.

In den Schuhen des anderen

"Um Konflikte zu lösen, haben wir versucht, sie in die Schuhe des jeweils anderen zu stellen. Wir haben sie gefragt, was wäre, wenn sie in dieser Situation wären, und wollten sie so zum Nachdenken und Nachfühlen anregen", erzählt Adighibe. Bali sieht das genauso. Denn: "Man kann Gewalt nie durch Gewalt stoppen."

Im Zara-Rassismus-Report 2010 wurden 754 rassistische Vorfälle dokumentiert. Mit 27 Prozent liegt der Hauptanteil solcher Vorfälle bei jenen im öffentlichen Raum. Für Clarisse (20) ist das nicht verwunderlich: "Als ich letztens auf der Straße an einem jungen Mann vorbeiging, hat dieser Affengeräusche gemacht," schildert die Schwarzafrikanerin. Erste Erfahrungen mit Rassismus hat die 20-Jährige gemacht, als sie in die Schule gekommen ist und ein Mädchen nicht neben ihr sitzen wollte, weil sie meinte, Clarisse sei dumm. "Als ich sechs war, habe ich in solchen Situationen geweint. Später reagierte ich aggressiv darauf, und heute stehe ich erstaunlich gleichgültig dazu." Ihrer Meinung nach sei eine gute Ausbildung jedenfalls die beste "Waffe" gegen Rassismus: "Denn Bildung verleiht einem Sicherheit." (SchülerStandard - Aurora Orso, Selina Thaler/DER STANDARD-Printausgabe, 6.7.2011)