Tokio - Einen wahren Überlebenskünstler fanden japanische Biologen auf der Insel Haha-jima, etwa 1.000 Kilometer südlich von Tokio: Tornatellides boeningi, eine nur zweieinhalb Millimeter lange Landlungenschnecke mit kegelförmigem Häuschen, kann es offenbar überleben, von einem Vogel gefressen zu werden. Nicht immer, aber oft genug, um sogar von ihrem Jäger zu profitieren.

Haltbares Haus

Haha-jima ist etwa 21 Quadratkilometer groß und die Heimat verschiedener endemischer Schneckenarten - am verbreitetsten davon ist Tornatellides boeningi. Und auch wenn die Fläche der Insel überschaubar wirken mag, bietet die Topografie doch einige voneinander weitgehend isolierte Lebensräume. Für Forscher stellte sich daher die Frage, wie die kriechenden Winzlinge sich über den Radius, den man ihnen zutrauen würde, verteilen konnten.

Die Antwort dürften Forscher der Tohoku-Universität gefunden haben, wie die BBC berichtet: Sie widmeten sich Brillenvögeln, einer tropischen Singvogelfamilie, welche sich auf die kleinen Schnecken als Hauptnahrung spezialisiert haben. Nachdem im Kot von Brillenvögeln lebende Schnecken gefunden worden waren, fütterten die Biologen Vögel im Labor regelmäßig mit Tornatellides, um herauszufinden, ob das Überleben nach dem Gefressenwerden eine seltene Kuriosität ist oder öfter vorkommt. Letzteres ist der Fall: Bis zu 15 Prozent der Schnecken überlebten die Reise durch den Verdauungstrakt und kamen unbeschadet wieder ans Licht. Dabei kommt ihnen ihre geringe Größe zugute: Die Häuser größerer Schneckenspezies wurden zerstört, wenn die Tiere gefressen wurden.

Aus einem Übel seinen Nutzen ziehen

Damit haben die Räuber für ihre Opfer sogar einen Nutzen: Bekannt ist, dass die gefiederten Allesfresser zur Verbreitung von Pflanzen beitragen, wenn sie die Samen gefressener Früchte ausscheiden. Offenbar tun sie dasselbe für die Schnecken. Gen-Analysen an den Schnecken zeigten, dass sich Tornatellides boeningi nicht nur mit Artgenossen aus der unmittelbaren Nachbarschaft fortpflanzt, sondern auch mit Exemplaren aus vermeintlich isolierten Gebieten, die sie schwerlich "zu Fuß" erreicht haben können.

Der Akt des Gefressenwerdens scheint also eine Schlüsselrolle in der Verbreitung der Schnecke zu spielen. Ein Exemplar, das die Forscher fanden, demonstrierte dies besonders deutlich: Unmittelbar nachdem sich die zuvor verschlungene Schnecke aus dem Vogelkot herausgekämpft hatte, brachte sie eine Ladung Junge zur Welt. (red)