Europas Kapitalmärkte operieren derzeit im Krisenmodus. Der Angstindikator für Europas Leitbörse, der Volatilitätsindex VStoxx, ist am Dienstag auf knapp 32 emporgeschnellt und notierte damit so hoch wie seit der japanischen Tsunami-Katastrophe im März nicht mehr.

Die jüngste Welle der Angst wurde am italienischen Anleihenmarkt ausgelöst. Die Zinsen auf zehnjährige Papiere stiegen am Dienstag zeitweise über sechs Prozent, der höchste Stand der vergangenen 14 Jahre. Auch die spanischen Staatsanleihenzinsen schnellten deutlich über die Sechs-Prozent-Marke.

Marktteilnehmer in Wien haben von einer "eindeutigen Panik" gesprochen. Martin Bohn, Chief Investment Officer für Anleihen, betont, dass es bei vielen Staatsanleihen "kaum mehr Umsätze gab, keiner will kaufen, keiner will verkaufen". Die Liquidität bei Papieren von peripheren Staaten sei am Vormittag geradezu ausgetrocknet gewesen.

Gerüchte treiben

Doch Gerüchte um mögliche Interventionen der Europäischen Zentralbank bei Staatsanleihen der Peripherie (das Ankaufprogramm für Staatsanleihen soll wieder angelaufen sein) haben die Marktteilnehmer bald wieder aus ihrer Schockstarre gelöst. Willem Buiter, Chefökonom von Citigroup, betonte, dass die EZB wieder die Bonds von Peripherie-Staaten aufkaufen müsste, damit Italien die Auktionen von Anleihen, die dieses Jahr anstehen, über die Bühne bringen kann. Der italienische Anleihenmarkt ist mit 1600 Milliarden Euro der drittgrößte der Welt (nach den USA und Japan). Die Gerüchte sorgten für ein kurzes Kursfeuerwerk bei den Anleihen. Zinsen auf spanische und italienische Bonds sanken wieder unter sechs Prozent.

Auch die Mailänder Börse MBI drehte nach einigen verlustreichen Handelstagen leicht ins Plus. Die Titel der Unicredit stiegen sogar um vier Prozent. Technisch gesehen bleibt der italienische Markt aber im Bärenmarkt. Der Leitindex liegt 21 Prozent tiefer als bei seinem jüngsten Hoch im Februar. Auch die Wiener Börse konnte am Nachmittag Verluste wettmachen. Der ATX verlor, angeführt von den beiden Banken Raiffeisenbank International und Erste Group, zunächst mehr als 3,3 Prozent, kämpfte sich aber - angeführt von den italienischen Werten - wieder nach oben und notierte ein halbes Prozent tiefer.

Auch die Währungsmärkte erlebten einen wilden Ritt. Der Euro gab zeitweise über 1,5 Prozent auf 1,3837 gegen den US-Dollar nach, begleitete die italienischen Bankaktien aber am Nachmittag wieder nach oben. Gegen den Schweizer Franken hingegen wertete die Gemeinschaftswährung nachhaltig um über 0,7 Prozent ab. Der Franken notierte zeitweise auf dem höchsten Stand seit Bestehen des Euro, 1,1552.

Eng damit verknüpft war auch die Flucht in Gold. Das Edelmetall notierte in Euro zeitweise auf über 1118 Euro je Feinunze. (sulu, DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2011)