Thomas Klestil und Alfred Gusenbauer versuchen derzeit etwas, das nicht gelingen kann: die Zahnpaste wieder in die Tube zurückzudrücken. Klestil lässt verbreiten, er habe doch gar nicht Schüssel die Entlassung angedroht, sondern nur dem Korrespondenten der Neuen Zürcher die unterschiedlichen Verfassungen der Schweiz und Österreichs erklärt. Das ist ein trauriger, aber gleichzeitig wirkungsloser Rückzieher. Wie weit der Respektsverlust für Klestil gediehen ist, lässt sich aus der Reaktion des steirischen Wirschaftslandesrats Herbert Paierl (ÖVP) ablesen: "Ich plädiere für eine tägliche Alkoholkontrolle für den Bundespräsidenten. Das gilt natürlich nur für alle künftigen Staatsoberhäupter, in bestehende Rechte darf freilich nicht eingegriffen werden."

Im Vergleich damit hat sich SPÖ-Obmann Gusenbauer relativ wenig beschädigt. Er versucht jetzt aber auch, den Eindruck rückgängig zu machen, er habe eine Grundsatzposition der SPÖ aufgegeben, nämlich mit der Haider-FPÖ nichts zu tun haben zu wollen. Gusenbauer hatte sich mit Haider zum Spargelessen getroffen und eine Kooperation im Parlament verabredet, um die Pensionsreform Schüssels (und damit wohl auch diesen selbst) zu kippen. Das sei natürlich nicht als ein Präludium zu einer späteren Koalition SP-FP und als Ende der "Ausgrenzung" zu verstehen. Aber in unserer weitgehend prinzipienlosen politischen Debatte wird das selbstverständlich als Bruch der bisherigen Position ausgelegt. Alle, die gerne möchten, dass die Haider-FPÖ als "ganz normale Partei in einem ganz normalen Land" betrachtet wird - und nicht als bedenkliches Rechtsaußenphänomen - krähen nun ein triumphierendes "Na, bitte!".

Nicht zu Unrecht wird auch aus der Umgebung des Kanzlers gefragt, wo denn nun die Empörung der üblichen Verdächtigen bleibe. Tatsächlich protestierte die Volkstheater-Direktorin Emmy Werner, aber Gusenbauers intellektuelle Berater Josef Broukal und André Heller lieferten wenig überzeugende Halb-Entschuldigungen: Um den Teufel Pensionskürzung (und Schüssel) auszutreiben, könne man auch mit dem Beelzebub Haider einen Pakt schließen. Das wird so nicht funktionieren. Haider hat zwei Konstanten: seine Affinität zu NS-Gedankengut (soeben wieder bewiesen durch Zitierung eines SA-Gedichts, das der junge Jörg vermutlich im elterlichen Haus verinnerlicht hat) und seine Unverlässlichkeit.

Beides sind auch die Hauptgründe, warum sich demokratische Politiker mit Grundsätzen nicht mit Haider einlassen sollten. Erstens moralisch und zweitens, weil mit Haider kein Pakt zu schließen ist. Wird er wirklich die Koalition wegen der Pensionsreform in die Luft sprengen? Sich darauf zu verlassen heißt einerseits, Haiders Entschlusskraft zu überschätzen und andererseits Schüssels politische Fähigkeiten (und Nerven) unterschätzen. Hat Gusenbauer einkalkuliert, dass Schüssel im letzten Moment Zugeständnisse machen könnte, die es Haider ermöglichen oder auch ihn dazu zwingen, die Hand wieder von der Lunte zu nehmen?

Machiavellismus muss man können. Mit einer politischen Atomwaffe wie der Entlassung eines Kanzlers droht man entweder unter vier Augen ebendiesem (und das auch nur einmal) - oder man setzt sie tatsächlich ein. Ebenso gilt: Eine Koalition oder Kooperation mit dem bisherigen politischen Erzfeind macht man einfach. Wenn man sie aber nicht wirklich will, dann erweckt man nicht mit "Ober, zahlen!"-Fotos den falschen Eindruck. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2003)