Während anlassbezogen das "Gott erhalte" durch die Lande schallt, wird ebenda scharfsinnig um die Hymne der Zweiten Republik gestritten. Unterm Kaiser hätt' s das nicht geben können. Unmittelbar zu verdanken haben wir das Maria Rauch-Kallat. Sie ließ von ihrem Plan, auch Töchtern einen Platz in dem Lied zu verschaffen, auch nicht ab, nachdem einige ihrer Parteikollegen in parlamentarischen Filibustern die von Gott angelegte Überlegenheit männlichen Geistes über kleinlichen Feminismus eindrucksvoll bewiesen hatten. In der "Krone" vom Dienstag konnte ein von ähnlicher Genialität geplagter Michael Jeannée nicht anders als festzustellen: Nachzulesen in sämtlichen Journalen des Landes, die ihre Sommerlöcher mit dieser Nachrichten-Posse füllen konnten, dass Ihre "Bundeshymnen-Intrige", mit der Sie unserer Heimat der großen Söhne endlich auch die von Ihnen so geliebten großen Töchter zuführen wollten, kläglich gescheitert ist.

So recht muss man erst einmal behalten! Weil Jeannée aufzeigen wollte, wo es hinführt, wenn Frauen sich in Staatsdinge einmischen, monierte er - leider zu spät - die Einhaltung der natürlichen Ordnung im Haushalt. Meiner Meinung nach hätte Sie Graf Ali, Ihr adeliger Edelmacho-Göttergatte, warnen müssen: "Maria, leg dich um Himmels willen nicht mit den ÖVP-Klub-Machos an. Weil diese Brüder verstehen keinen Spaß!"

Wenn Graf Ali nicht ohnehin mit den ÖVP-Klub-Machos unter einer Decke steckt, liegt hier unbestreitbar das peinliche Versagen eines Edelmacho-Göttergatten vor - eine Erscheinung, die auf immer mehr heimische Haushalte überzugreifen droht. Und leider auch auf immer mehr Medien. Eilfertig machten sich etliche Blätter daran, Rauch-Kallats Idee einer Hymnen-Verbesserung aufzugreifen, wobei wieder einmal bewiesen wurde, wozu männliche Schöpferkraft imstande ist. In "Heute" wartete ein Niko Formanek, seines Zeichens Comedian, mit einer Feministinnen-Hymne und einer Macho-Hymne auf, die an einer milden Inkompatibilität von Formaneks Text und Mozarts Musik litten und daran, dass sich Söhne auf blöde reimen sollten.

Manfred Deix entwickelte in "News" die Idee einer Aufspaltung weiter und präsentierte Hymnentexte für Senioren, die türkischen Mitbürger, für die Machos und für die Homosexuellen. Merkwürdigerweise unter dem Motto: Die Hymne muss für alle da sein. "Kurier"-Zeichner Pammesberger erweiterte das Konzept auf sechs, allerdings sehr freie Vorschläge, während "Die Presse", seriös wie gewohnt, sich mit dem Abdruck des noch geltenden Originals begnügte, um den Leserinnen und Lesern etwas Neues zu bieten.

Die Wurzel des nunmehrigen Streits liegt in der Vergangenheit und in einem Preisausschreiben, an dem sich 1800 Kreative beteiligten. 200 davon kamen in die engere Wahl und wurden einer Jury von Staatsopernsängern vorgesungen. Das konnte nicht gut gehen. Paula von Preradovic erhielt den Lorbeer und 5000 Schilling laut "Salzburger Nachrichten", laut "Presse" hingegen 10.000 Schilling. Zum Glück verfügte Österreich damals, 1947, über eine Regierung, die nicht nur aus feinsinnigen Kunstrichtern, sondern - das waren Zeiten! - ausschließlich aus Männern bestand. Sie machten sich über den Text her, und milderten Frau Preradovic' machistischen Exzess in der vierten Zeile - "Großer Väter freie Söhne" - in die frühfeministische Version "Heimat bist du großer Söhne", die heute Anstoß erregt, wo doch Heimat eindeutig weiblich ist.

Donnerstag schritt Jeannée neuerlich zum Schutz unserer armen Bundeshymne ein, indem er den ÖVP-Klubchef Kopf für das lobte, was Rauch-Kallats Edelmacho-Göttergatte zu tun verabsäumt hat. Sie haben einer intriganten Parteifreundin einfach nur gezeigt, wo Kopf wohnt. Nämlich im ÖVP-Klub an oberster Stelle, wo Sie nicht dulden können, dass hinter Ihrem und der Partei Rücken irgendwer irgendwelche Spielchen mit dem politischen Gegner einfädelt. Sollten bisher gewisse Zweifel daran bestanden haben, ob im ÖVP-Klub an oberster Stelle wirklich ein Kopf wohnt, dann hat dieser Brief von Mann zu Mann sie ausgeräumt. Wenn Graf Ali daneben keine gute Figur macht, sollte er sich an besagtem Kopf ein Beispiel nehmen.

Und wird sie wirklich verkehrt, die Welt, total verkehrt, dann erkennt Jeannée das daran, dass Rauch-Kallat in der neuen Nummer des Wiener Bolschewiken-Blattls "Falter" ohne jede Ironie zur "Heroine der Woche" hochstilisiert wird. Wo bleibt Graf Ali? (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.7.2011)