Was in einem Waldstück bei dem Städtchen Silvan im Südosten der Türkei wirklich vor sich gegangen ist, beschäftigt nun die türkische Öffentlichkeit. 13 Soldaten kamen dort vergangene Woche bei dem seit Jahren schwersten Angriff der kurdischen Untergrundarmee PKK um. Doch seit die Armee nicht mehr unantastbar ist, wird schnell in Zweifel gezogen, was die Kommandeure erklären.

Die Empörung im Land über den Tod der 19 bis 27 Jahre alten Männer ist zudem groß. Regierungschef Tayyip Erdogan hat der PKK Vergeltung angekündigt und will die Kurdenpartei BDP zur Verantwortung ziehen. Dass die Partei des Friedens und der Demokratie ausgerechnet an dem Tag, an dem der Trupp in einen Hinterhalt geriet, im nahegelegenen Diyarbakir eine symbolische Autonomieerklärung abgab, kompliziert die Situation noch.

Die Ungereimtheiten über den PKK-Angriff, die schnell aufgetaucht sind, versucht die Armee nun zu widerlegen: Dem Trupp, der angegriffen wurde, gehörten offenbar viele unerfahrene Rekruten an. Übermüdet und erschöpft waren die jungen Männer, als sie sich zur Rast in dem Waldstück niederließen. Zwei oder drei Tage sollen sie bereits im Gelände marschiert sein, mit 40 Kilo Gepäck und bei über 40 Grad im Schatten.

Rätselhaftes Feuer

Dass es die eigenen Kampfjets gewesen seien, die auf das Waldstück Brandbomben warfen und dabei zumindest einige der Soldaten töteten, hat die Armee zurückgewiesen. Nur Kampfhubschrauber seien im Einsatz gewesen. Munition sei explodiert und habe den Wald in Brand gesetzt, auch sieben PKK-Kämpfer wurden getötet.

Hilfe kam angeblich spät, erst eineinhalb Stunden nach dem Angriff. Dabei sollen nicht weniger als 18 Einheiten in der Region um Silvan, rund 80 Kilometer weit von Diyarbakir, an jenem Tag unterwegs gewesen sein. Sie suchten nach drei Soldaten, die von der PKK entführt worden waren.

Den Befehl zum Angriff, so wusste eine Zeitung unter Berufung auf Geheimdienstquellen zu berichten, sei von einer Hardlinergruppe innerhalb der PKK um die Kommandeure Cemil Bayik und Mustafa Karasu gegeben worden. Diese sogenannte "Ankara-Gruppe" soll laut türkischer Justiz Verbindungen zu Kreisen der Armee haben; dies ist Teil der Anklage in den Prozessen gegen den angeblichen Geheimbund Ergenekon.

Die Kurdenpartei BDP hatte bei den Wahlen im Juni ihr Ergebnis noch verbessert, boykottiert aber als letzte Partei noch das Parlament in Ankara. Sechs ihrer 36 Abgeordneten sitzen derzeit in Untersuchungshaft und dürfen ihr Mandat nicht antreten. Denkbar scheint Beobachtern, die PKKversuche mit ihren Angriffen zu verhindern, dass die Kurdenpartei diesen Boykott aufgibt. (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2011)