Düsseldorf/Wien - Razzia um Razzia ordnet das deutsche Bundeskartellamt im Kampf gegen die "Schienenfreunde" an. Beamte des Kartellamts hätten am 12. Juli erneut ein Werk in Hessen durchsucht, sagte ein Sprecher der Bonner Behörde. Mehr als zehn Schienenhersteller stehen im Verdacht, bis 2008 die Preise abgesprochen und Abnehmer wie die Deutsche Bahn durch überhöhte Preise geschädigt zu haben - der Standard berichtete. Voestalpine bestätigte am Dienstag die jüngste Hausdurchsuchung bei ihrem Ableger Voestalpine BWG in Butzbach.

Laut Standard-Recherchen gehen die Ermittlungen zunehmend auch in Richtung Weichenmarkt, auf dem der Linzer Stahl- und Verarbeitungskonzern ebenfalls ein starker Player ist. Die Untersuchungen seien bewusst weit gefasst, sagte der Sprecher des Bundeskartellamts in Düsseldorf, Kay Weidmann. Schienen und Weichen seien wohl unterschiedliche Märkte, es gebe aber auch deutliche Überlappungen.

Laut Insidern konzentrierten sich die Ermittlungen nicht mehr nur auf Preisabsprachen beim Schienenverkauf an Abnehmer wie die Deutsche Bahn, sondern auf den sogenannten Privatmarkt, der aus Baufirmen, Straßenbahnbetreibern etc. besteht. Dieser Privatmarkt wurde von Voest, ThyssenKrupp und Co nie direkt beliefert, sondern über sogenannte Oberbaustoffhändler, die aus Weichen, Schienen, Schrauben, Oberleitungen usw. bestehende Produktpakete verkauften und dabei die Preise mit den konzerninternen Handelsfirmen der Stahlerzeuger abgestimmt hätten, skizziert ein mit der Materie Vertrauter die Doppelstrategie der "Schienenfreunde", die sich fast zehn Jahre lang in einer Duisburger Pizzeria getroffen haben.

Ob die Voest für ihre Anzeige des Kartells den erhofften Kronzeugenstatus samt Bußgeldminderung bekommt, ist völlig offen. Das hänge von der Qualität der gelieferten Informationen und der Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft und Kartellbehörden zusammen. "Ein Kronzeuge muss uns in die Lage versetzen, Durchsuchungen durchzuführen", sagt der Behördensprecher. Unerheblich für eine Bußgeldbefreiung oder -minderung ist demnach, ob ein Hardcore-Kartell von einem (ehemaligen) Mitarbeiter verpfiffen wird oder ob es ein Kartellmitglied war, wie die Voest für sich reklamiert. Sie hat jedenfalls einen "Bonusantrag" gestellt, um einer Strafe von bis zu zehn Prozent des Konzernjahresumsatzes zu entgehen. Zuvor hatte sie auf Basis anonymer Hinweise deutsche Rechtsanwälte beauftragt, den Beschäftigten in ihren Bahnsysteme-Töchtern TSTG Schienen Technik in Duisburg und Klöckner Bahntechnik auf den Zahn zu fühlen. Als sich selbige in Befragungen in Widersprüche verwickelten, erstattete der Konzern Anzeige, schilderte der Insider. (ung, DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2011)