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Die Kehrseite des amerikanischen Traums: Camden, New Jersey, der zweitgefährlichste Ort der USA.

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Stundenlang hat das Feuer gewütet. Acht Stunden oder zehn, so genau weiß Mister Lee das nicht mehr. Nachts war der Brand ausgebrochen, und als Lee am Morgen darauf in die Winslow Street fuhr, um in seinem koreanischen Imbiss nach dem Rechten zu sehen, gab es kein Durchkommen. Da loderten die Flammen noch immer. Noch immer vernebelte schwarzer Rauch die heruntergekommenen Straßenzüge im Süden Camdens. "Der Gestank verbrannter Reifen", sagt Lee. "Tagelang hatte ich den in der Nase."

Sechs Wochen ist das her, und noch immer lässt das Karree zwischen Winslow Street und Jefferson Avenue an einen Bürgerkrieg denken. Ein Trümmerberg, so groß wie zwei Fußballfelder. Rußschwarze Balken. Verbogenes Eisen. Verkohlte Verkehrsschilder. Niemand hat mit dem Aufräumen begonnen, niemand kann sagen, wann die ersten Bulldozer anrücken. Nur das verblichene Wort "Yarns" an einer Ruinenmauer lässt erkennen, dass hier einmal eine Textilfabrik stand, Howland Croft, Sons & Company. Garn wird bei Croft seit fünfzig Jahren nicht mehr gesponnen. Zuletzt hat man den Keller des Backsteingebäudes als Reifenlager genutzt, der Gummi wirkte wie Öl im Feuer, was das Löschen erheblich erschwerte.

Kurz nach dem Brand an der Winslow Street ging ein abgewracktes Chemielabor in Flammen auf, wenige Tage darauf ein Reifenwerk. Es ist, als wollte ein zynischer Brandstifter der Stadt ihre Ohnmacht demonstrieren.

Pleite

Camden ist pleite, es muss rigoros sparen, auch bei der Feuerwehr. Camden ist das, was man in Lagos oder Kalkutta einen Slum nennen würde.

Früher wurden hier Schiffe gebaut, die Stadt liegt geografisch günstig am Delaware River, gleich gegenüber von Philadelphia. Es gibt eine Universität, ein angesehenes Krankenhaus mit 700 Ärzten. Und eine Autobahn, die Interstate 676, die Camden in zwei Hälften teilt. In der kleineren, im Westen, verläuft das Leben noch in halbwegs normalen Bahnen. In der größeren, östlich des Betonbands sowie in Richtung Süden, handeln Banden wie die Bloods, die Crips und die Five Percenters auf offener Straße mit Drogen. Überall Pitbulls, Gitter vor Türen und Fenstern. Und dort, wo es keine Gitter gibt, Sperrholzplatten.

Donald Norcross, ein gelernter Elektriker, vertritt Camden im Bundesstaatensenat von New Jersey. Sein bescheidenes Wahlkreisbüro liegt auf der Rückseite eines Supermarkts, in Audubon, einem jener typischen amerikanischen Vororte, die alle gleich aussehen mit ihren riesigen Shoppingmalls. Der Sozialfall Camden, erklärt Norcross, braucht jährliche Zuschüsse von 64 Millionen Dollar, das entspricht knapp 40 Prozent seines Budgets. 2010 erhielt die Stadt das Geld noch. 2011 hat es Chris Christie, New Jerseys konservativer Gouverneur, gestrichen, weil er sein Budget ausgleichen muss.

Damit steht Dana Redd, die Bürgermeisterin, vor der Quadratur des Kreises. Normalerweise finanzieren sich US-Gemeinden über die Grundsteuer, die wiederum berechnet sich nach dem Wohnungswert. In den Elendsecken Camdens aber sind die Immobilienpreise so stark gefallen, dass sich kaum noch eine nennenswerte Grundsteuer erheben lässt. "Wer uns die Hilfe verweigert, gibt uns buchstäblich auf", sagt Norcross. "Es geht ums Überleben."

Kein Einzelfall

Camden ist kein Einzelfall, sondern nur ein Beispiel für den Verfall der öffentlichen Ordnung in Zeiten des Sparzwangs. Im Kleinen spiegelt es den Streit in Washington wider.

Dort wollen die Republikaner mit fanatischem Eifer den Rotstift ansetzen und sich im Konflikt mit Barack Obama als Antischuldenpartei profilieren, mögen namhafte Ökonomen noch so eindringlich warnen, dass zu rigoroses Sparen zurück in die Rezession führen kann. New Jerseys Gouverneur Christie kürzt ohne Kompromisse, weshalb ihn die Tea Party als Helden feiert.

Camden, die Stadt am öffentlichen Tropf, eine Stadt mit achtzigtausend Einwohnern, offiziell die zweitgefährlichste Stadt der USA, bekommt die Folgen zu spüren.

Im Jänner hat man ein Drittel der Feuerwehrleute entlassen, bei der Polizei traf es fast jeden Zweiten. Deren Resttruppe, 206 Beamte, steht im Ringen mit den Gangs auf verlorenem Posten. Sie ist so überfordert, dass Jon Williamson, der Chef der Polizeigewerkschaft, vom dauerhaften Ausnahmezustand spricht. Norcross zitiert die Statistik: Seit Jänner stieg die Kriminalitätsrate um 13 Prozent.

Jorge Cartagena hätte den Ausnahmezustand fast mit seinem Leben bezahlt. Der Drittklässler geriet in eine Schießerei und wurde von einer Kugel am Kopf getroffen. An einem Sommertag um zwei Uhr Nachmittag. In einer Klinik kämpften die Ärzte um das Leben des Jungen. Jorge Cartagena hat überlebt. Sehen kann er aber nicht mehr. (Frank Herrmann aus Camden, DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2011)