Willkommen in der Welt der Sommerfrischler, der Kavaliere, mondänen Damen und süßen Mädeln, die sich in amouröse Abenteuer mit unglücklichem Ausgang stürzen. Willkommen in den 1890er-Jahren, als sich die "Oberen" in leiser Vorahnung des bevorstehenden Verfalls der Österreichisch-Ungarischen Monarchie dem unbeschwerten Lebensgenuss hingaben. Arthur Schnitzlers Sommerresidenz, der Thalhof in Reichenau an der Rax, dient als perfekter Schauplatz für diese Gesellschaft. Die selten gespielten Denksteine eröffnen den Anatolzyklus der diesjährigen Schnitzler-Spiele unter der Leitung von Helga David.

Kavalier Anatol (Christian Kainradl) ist Protagonist in den drei gezeigten Einaktern. Mit vollem Körpereinsatz (eine Glasscheibe des unter Denkmalschutz stehenden Hauses geht am Premierenabend zu Bruch) beschimpft er Emilie (Katrine Eichberger) als Hure, weil diese noch in Erinnerung an ehemalige Liebhaber schwelgt. Die Doppelmoral der Epoche gesteht nur Männern wechselnde Liebschaften zu. Als Analytiker seiner Zeit lässt Schnitzler in Süßes Mädel, einer Skizze zum Anatolzyklus, das Vorstadtmädel Fritzi (bringt Humor und Tiefgang gelungen zum Ausdruck: Sandra Knoll) in ihrem aussichtslosen Versuch, Anatol an sich zu binden, zu Wort kommen.

Am meisten begeisterte das Abschiedssouper. Anatol will sich von seiner Geliebten trennen (mit Wiener Schmäh glänzt Energiebündel Sophie Aujesky), diese kommt ihm damit zuvor. Bei so viel schauspielerischer Bravour gibt man sich mit der simplen Bühnentechnik zufrieden und fährt auch nächstes Jahr wieder gerne auf Sommerfrische. (ewe/ DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2011)