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Eine Gruppe junger Leute gedenkt beim Tunnel, an dessen Ausgang die Massenpanik entstand, der Toten des 24. Juli 2010.

Foto: Reuters/Ina Fassbender

Duisburg/Wien - Es sollte eine fröhliche Feier von Friede, Freude, Liebe werden - und es artete in eine Massenpanik aus, bei der 21 Menschen zu Tode getrampelt und mehr als 500 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden.

Die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg jährt sich am Sonntag zum ersten Mal. Bei einer Gedenkfeier im Stadion des MSV Duisburg werden mehrere tausend Menschen erwartet. Duisburg ist seit einem Jahr nicht mehr nur eine Stadt im Ruhrgebiet. "Duisburg" ist Synonym für das Verletzungstrauma zehntausender Menschen, ähnlich, wie es "Innsbruck" nach der "Air&Style"-Katastrophe 1999 war, als dort, ebenfalls nach einer Massenpanik, fünf Menschen starben.

Es gebe "ein Leben vor und ein Leben nach Duisburg", sagten mehrere Opfer dem Spiegel, und das danach klingt bedrückend. Sie träumen noch immer regelmäßig von dem Tunnel zum Festgelände, in dem sie hilflos feststeckten, sie berichten von Leichen, über die sie stolperten, von Angst-Attacken, sie verloren zum Teil ihre Jobs oder brachen ihre Studien ab, sie können keine Minute allein sein und brauchen intensive psychologische Betreuung.

Das Schlimmste an Duisburg ist freilich der Umgang der Verantwortlichen mit der Katastrophe. Schuldfragen werden hin- und hergeschoben, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln immer noch, eine abschließende Klärung der Verantwortlichkeiten wird noch Monate dauern. Über 3000 Zeugen wurden bisher vernommen, gegen 16 Beschuldigte wird wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung ermittelt, darunter sind elf städtische Mitarbeiter.

Bis heute weigert sich der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) zurückzutreten - nur, wenn ihm die Staatsanwaltschaft Fehler nachweise, sei er bereit, seinen Sessel zu räumen. Inzwischen haben 30.000 Duisburger eine Petition für Sauerlands Rücktritt unterschrieben, "täglich kommen 1000 weitere dazu", behaupten die Initiatoren. Viele Duisburger Bürger machen Sauerland für die Genehmigung der Techno-Party politisch verantwortlich und werfen ihm völlig ungenügendes Krisenmanagement vor. Sauerland und Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller nehmen an der Gedenkveranstaltung am Sonntag nicht teil. Auf Wunsch der Angehörigen, sagen sie. Laut einem 400 Seiten starken Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft war schon die Genehmigung der Loveparade, bei der es für (geplante) 250.000 Besucher nur einen Zu- und Abgang gab, rechtswidrig. Tatsächlich kamen - darüber gibt es bis heute widersprüchliche Angaben - bis zu 1,4 Millionen Besucher. Als die Panik auf der Rampe, die an den Tunnel anschließt, ausbrach, waren die nachdrängenden Besucher chancenlos zu entkommen.

Bisher haben 290 Menschen Schadenersatz gefordert, immerhin haben die Versicherung Axa und die Stadt Duisburg mittlerweile vereinbart, mit der Auszahlung ungeachtet der Schuldfrage zu beginnen. Axa hat dazu zehn Millionen Euro bereitgestellt.

Für die Veranstalter anderer großer Musik-Events gibt es ebenfalls eine Zeit vor und eine nach Duisburg. Das Frequency-Festival in St. Pölten etwa hat sein Sicherheitskonzept genauso überarbeitet wie Nova Rock im Burgenland. Und beim Wiener Donauinselfest, wo man früher von Jahr zu Jahr neue Besucherrekorde bejubelte, hat man heuer darauf verzichtet, noch mehr Bühnen zu errichten. Die Zeit der Superlativen sei vorbei, sagen die Veranstalter. (stui/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24. Juli 2011)