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Papier und seine Geduld: "2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung".

Foto: REUTERS/Andrew Berwick via www.freak.no/Handout

Das verquere Weltbild des Attentäters Anders Behring Breivik trägt Züge eines Paranoikers: In seinem 1500 Seiten dicken Rechtfertigungspamphlet 2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung nimmt Breivik auf die Wiener Türkenbelagerung 1683 ebenso hochtrabend Bezug wie auf die angebliche Hegemonie eines "Kulturmarxismus" in unseren Breiten. Er mimt den Tempelritter und ergeht sich in wüsten Beschimpfungen der eigenen Familie, deren Angehörigen er eine laxe Sexualmoral unterstellt.

Breivik ist bei der Zusammenstellung seiner gesammelten Irrtümer offenbar dem Prinzip von Copy & Paste gefolgt: Der Datenraum im World Wide Web begünstigt die Übernahme vorgekauten Wissens. Doch verrät dessen mehr oder minder beflissene Kompilation noch nichts über die Verarbeitungskompetenz des Benutzers.

Reizbegriffe wie "Kulturmarxismus" oder "Islamische Kolonisierung" sollen einen Zusammenhang bilden: So gilt zum Beispiel der Abwehrkampf gegen die Osmanen 1683 vor den Toren Wiens (Gates of Vienna) als rechtsextreme Chiffre für einen Zusammenschluss des christlich geeinten Europas gegen die herbeihalluzinierte "muslimische Gefahr". Eine umso waghalsigere Bezugnahme, als sich die Hohe Pforte damals mit dem katholischen Frankreich verbündet hatte, die Kriegswirren einer äußerst fragilen Gleichgewichtslage in Mittel- und Südosteuropa entsprangen. Was die Antiislam-Blogger einer Vienna School of Thoughts nicht daran hindert, allerlei Unsinn zu verzapfen.

Ehe man darüber nachsinnt, ob wir durch die Zurückweisung der Kolschitzky-Legende nicht um Kaffeegenuss und Meinl-Mohr geprellt würden, stellt sich die Frage nach weiteren Unvereinbarkeiten im kruden Weltbild Breiviks.

Vom christlich-fundamentalistischen Bekenntnis stechen Fotos ab, die den blonden Mann sichtlich stolz in kompletter Freimaurer-Adjustierung zeigen. Nun ist das Weltbild der Freimaurer vom Gebot unbedingter Toleranz geprägt: Zwar wird der masonische Gottesbegriff bewusst mehrdeutig und offen gehalten, lupenreiner Atheismus ist in der Bruderkette aber verpönt. Was nichts daran ändert, dass die katholische Kirche ihr Verhältnis zur Freimaurerei, diesem Produkt der bürgerlichen Aufklärung, nur äußerst zögerlich verbessert.

Ähnlich unabgegolten wirken auch andere "Vorlieben" Breiviks: seine Lesefrüchte (neben Richard Rorty, Franz Kafka (!) oder John Stuart Mill auch der temperamentvolle Publizist Henryk M. Broder), seine manifeste Begeisterung für martialische Kostümierungen, seine Sympathie für Ungarn.

Letztlich gründet seine in die Wirklichkeit übersetzte Tötungsfantasie aber in einer Denkfigur der radikalen Moderne: Breivik, und das ist keine geringe Pointe, hat mit seinem insulären Schussmassaker die Haltung der Surrealisten rund um André Breton, übrigens einen begeisterten Marxisten, eingenommen: Setze einen gewalttätigen Akt, für den es weder Grund noch Zweck gibt! Schieß mit dem Revolver blindlings in die Menge!

Und so zehrt Breiviks Handeln von den Früchten einer ursprünglich symbolischen Aggressionsbereitschaft, in der die revolutionäre Gewalt den "Geburtshelfer" (Karl Marx) einer neuen Weltordnung abgeben soll. Breivik, ein Produkt der von ihm verhassten Moderne. (Ronald Pohl, STANDARD-Printausgabe, 26.7.2011)