Während die norwegischen Behörden für den Dienstag eine vollständige Liste der 76 Todesopfer von Oslo und Utøya angekündigt hatten, wurde die Kritik an den Sicherheitskräften im Land immer lauter. Bisher haben beinahe nur internationalen Medien den Polizeieinsatz in Frage gestellt. Zuletzt übte aber auch die norwegische Presse zunehmend Kritik. So sehr, dass sich die Regierung in Oslo genötigt sah, sich demonstrativ hinter die Polizei zu stellen.

Diese habe „eine fantastische Arbeit" geleistet, sagte Justizminister Knut Storberget am Dienstag. Es sei sehr wichtig, dass man den Einsatz offen und kritisch bewerte. „Aber alles zu seiner Zeit." Der Minister bezog sich vor allem auf die Reaktionszeit der Behörden nach den ersten Meldungen aus Utøya und den Vorwurf, das Sondereinsatzkommando sei viel zu spät dort angekommen.

Anders Behring Breivik hatte auf der Ferieninsel rund 90 Minuten Zeit, um ungehindert zu schießen. Campteilnehmer starben beinahe im Minutentakt.

Nach dem Bombenanschlag in der Osloer Innenstadt am Freitag um 15 Uhr 30 war das Einsatzkommando der Polizei bereits in Alarmbereitschaft versetzt worden. Als die Meldungen von dem Feuerüberfall auf Utøya kurz nach 17 Uhr in der Einsatzzentrale eintrafen, fehlte allerdings eine Lufttransportmöglichkeit. Die Osloer Polizei hat zwar einen Hubschrauber, aber dessen Piloten waren auf Urlaub und Ersatz nicht aufzutreiben.

Ein zweites Hindernis war offensichtlich, dass die Lage auf der rund 40 Kilometer entfernten Insel eine zeitlang völlig unklar war. Die örtliche Polizei forderte das Sondereinsatzkommando erst mit Verzögerung an, und dieses musste den Weg nach Utøya im Wagen zurücklegen als über dem Tyrifjord längst ein Fernsehhubschrauber kreiste. Dennoch erklärten die Behörden, die Einsatzzeiten seien angemessen gewesen.

Als Detail am Rande wurde am Dienstag noch bekannt, dass die norwegischen Spezialkräfte gemeinsamen mit den schwedischen ein Trainingszentrum in Rena, rund 100 Kilometer nördlich von Oslo, haben - also genau an jenem Ort, an dem Anders Breivik einen Bauernhof zur Tarnung seiner Pläne erworben hatte.

Der 32-Jährige hat dort den Kunstdünger für den Bombenbau gehortet und auch mit Chemikalien aus Polen und Aluminiumpulver aus Schweden experimentiert. Beides war für die Herstellung des Sprengstoffes der 500-Kilo-Bombe notwendig. Alle diese Schritte hat Breivik in seinem 1500-Seiten-Manifest festgehalten.

Wegen der Chemikalienbestellung war er schon im März auf eine Watchliste des norwegischen Geheimdienstes PST geraten. Dieser Verdacht habe aber nicht für eine weitere Überprüfung ausgereicht, sagte die PST-Chefin Janne Kristiansen. Und: „Nicht einmal die Stasi hätte diesen Plan aufdecken können."

Die Anklage prüft indes einen Passus im norwegischen Gesetz, der es erlauben soll, den Mann wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit für mehr als 30 statt nur für 21 Jahre hinter Gitter zu bringen. Dass er laut Anwalt vor der Tat Aufputschmittel eingenommen hat, vermindert norwegischen Rechtsexperten zufolge seine Schuldfähigkeit nicht.

Dienstagmittag erklärte der Anwalt des Mannes, Geir Lippestad, er wolle Unzurechnungsfähigkeit vor Gericht geltend machen: „Die ganze Sache deutet darauf hin, dass Anders Breivik geisteskrank ist", sagte er dem norwegischen Fernsehen. Die Anklage prüft indes einen Passus im norwegischen Gesetz, der es erlauben soll, den geständigen Massenmörder wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit für mehr als 30 statt nur für 21 Jahre hinter Gitter zu bringen. (Christoph Prantner aus Oslo, derStandard.at, 26.7.2011)