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Bei den Demonstrationen zum Internationalen Frauentag in Kairo marschierten Aktivistinnen zum Tahrir-Platz, um für Chancengleichheit und ein Ende der sexuellen Belästigung auf Kairos Straßen zu demonstrieren. Auf dem Schild ist zu lesen: "Ägyptische Männer und Frauen Hand in Hand."

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Die Demonstration von mehreren Hundert Frauen wurde dabei auch von einer Gruppe von Männern angegriffen, die sie verbal angriffen und dazu aufforderten "nach Hause zu gehen, wo sie hin gehören."

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Die feministische Autorin Nawal Saadawi, selbst dreimal geschieden, fordert ein modernes Scheidungs- und Familienrecht für Ägypten.

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Kairo - In der ägyptischen Hauptstadt formieren sich die Frauenrechtlerinnen. Nachdem das Mubarak-System diesen Frühling in einem beispiellosen Aufstand der ÄgypterInnen gestürzt wurde, befürchten nun Feministinnen, dass ihre Anliegen von den erstarkenden IslamistInnen und anderen konservativen Kräften im Land verschüttet werden. Eine Wiedervereinigung der unterschiedlichen Frauengruppen soll dieser Entwicklung Vorschub leisten.

Bereits im April erklärten 16 Frauenorganisationen, dass sie sich zu einer Koalition zusammengeschlossen haben. „Die Revolution hat Gleichheit und soziale Gerechtigkeit für alle Teile der Gesellschaft gefordert", erinnerte die Frauenaktivistin Fatma Khafagy bei der Pressekonferenz. Die Koalition erwartet eine tatsächliche Repräsentation von ägyptischen Frauen in allen politischen Gremien und schreckt auch vor einer Quoten-Forderung nicht zurück.

Nur eine Ministerin in Übergangsregierung

Doch mit der Teilhabe am politischen Transformationsprozess sieht es derzeit nicht gut aus. In der ägyptischen Übergangsregierung befindet sich auch nach einer neuerlichen größeren Rochade mit Fayza Aboul-Naga lediglich eine Frau im MinisterInnen-Rang. Im neu geschaffenen 10-köpfigen Verfassungskommittee ist überhaupt keine Frau vertreten. Der neue ägyptische Premier, Essam Sharaf, versuchte indes die Aktivistinnen mit einem eigenen Frauenkommittee unter Weisung des Kabinetts zu beschwichtigen. Der Einfluss dieses Gremiums wird von den Feministinnen allerdings stark in Zweifel gestellt.

Erschwerte Lebensbedingungen

Die Lebensbedingungen der Ägypterinnen sind starken Einschränkungen unterworfen, das waren sie bereits unter dem Mubarak-Regime. Frauen leiden in einem hohen Ausmaß unter häuslicher Gewalt, Belästigung auf der Straße und werden per Gesetz und in der Arbeitswelt diskriminiert.

2008 sorgte eine Studie des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte international für Aufsehen, wonach zwei Drittel der ägyptischen Männer zugaben, Frauen auf der Straße zu belästigen. Mehr als vier Fünftel der Frauen berichteten von Belästigungen durch Männer, die von Anstarren und Zurufen, über unsittlicher Zurschaustellung und Grapschen bis hin zu schwerwiegenden Angriffen reichten.
Aktivistinnen berichteten darüber, dass Genitalverstümmelung in Ägypten immer noch weit verbreitet sei. Zudem seien Zwangsverheiratungen außerhalb der großen Städte gang und gäbe.

Pochen auf Frauenrechte

"Wir haben während der Revolution nicht über Frauenrechte gesprochen, weil es nicht die richtige Zeit war. Wir kämpften alle zusammen für soziale und politische Rechte in Ägypten", erklärt Hala Kamal, Assistenzprofessorin an der Kairoer Universität und Mitglied im "Frauen in Erinnerung"-Forum, gegenüber Al Jazeera. Die Frauenaktivistin erinnert daran, dass Frauen bereits in der ägyptischen Revolution 1919 einen großen Beitrag zur Erneuerung Ägyptens beigetragen hätten. "Diese Entwicklungen haben zu einem unglaublichen Fortschritt für die Frauen geführt: Die Ägyptische Frauenunion wurde gegründet und in den 1930ern kamen neue Frauenbewegungen hinzu." Sie zeigt sich optimistisch, dass sich die Revolution von 2011, an der im Gegensatz zum frühen 20. Jahrhundert zahlreiche gut etablierte Frauenorganisationen teilgenommen haben, positiv auf Frauenrechte auswirken wird.

Weniger optimistisch sieht dies die international bekannte Frauenrechtlerin Nawal Saadawi. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters wird die 79-Jährige mit folgenden Worten zitiert: "Die Revolution wurde vom Militär, von der Regierung, von professionell organisierten Gruppen wie der Muslimbruderschaft und traditionellen politischen Parteien, die von Opportunisten geleitet werden, gestohlen."

Präsidenten-Gattinnen verhinderten unabhängige Frauenbewegung

Auch sie fordert einen historischen Schulterschluss der verschiedenen Fraueneinrichtungen - und die Chancen stünden dafür derzeit besonders gut: Der Hauptgrund für ihre einstige Zersplitterung sei nämlich die Dominanz der ehemaligen Präsidenten-Gattin, Suzanne Mubarak, gewesen. Saadawi will die nicht mehr existente ägyptische Frauenunion wiederbeleben. "Wir haben seit den 1970ern immer wieder versucht, sie zu reformieren. Aber die Präsidentinnengattinnen Jehan Sadat und Suzanne Mubarak richteten sich gegen die Frauenbewegung, weil sie die weibliche Kraft unter Kontrolle der Regierung halten wollten, nicht unter jene der Frauen."

Säkulares Familienrecht

Hauptaugenmerk von Saadawi und ihren Mitstreiterinnen liegt auf der endgültigen Abschaffung der Polygamie und einem säkularen Familienrecht in Ägypten. "Die Sharia ist eine Lüge. Sie wurde nicht von Gott geschrieben, sondern von Männern." Mubarak habe die Frauen des Landes in ihrer Entwicklung behindert, weil er religiöse Führer ernannte, die eine patriarchale Gesellschaft und die Praxis der Polygamie befürworteten, so Saadawi.

Im post-revolutionären Ägypten finden radikale Strömungen wie jene der Salafisten, AnhängerInnen einer wortwörtlichen Interpretation islamischer Texte, wieder mehr Gehör. Sie fordern etwa die Rücknahme einer Reform aus dem Jahr 2000, die es Ägypterinnen erlaubt, sich scheiden zu lassen - freilich nur, wenn sie ihren Familien die Mitgift zurückzahlen, ihre Eigentumsrechte abtreten und einen Augenzeugen vorweisen können, der den physischen Missbrauch ihres Ehemanns bestätigt. Frauengruppen gehen mit ihren Forderungen weit über diese Reform hinaus. Sie treten für die Streichung dieser Scheidungsbedingungen ein und fordern die Einführung eines modernen Scheidungsrechtes nach westlichem Vorbild. Auf Unterstützung durch die politischen Parteien warten die Frauenrechtlerinnen bisher vergebens. (red, dieStandard.at, 28.7.2011)