Unter Schlafentzug kann das Gedächtnis leiden. Das ist aber nicht der Grund, warum die Teilnehmer des Pensionsreform-Marathons die gemeinsamen 15 Stunden am runden Tisch in unterschiedlicher Erinnerung haben und dem Verhandlungspartner auf der jeweils anderen Tischseite Sturheit und Unbeweglichkeit vorwerfen. Geht es doch jetzt jeder Seite darum, die andere mit dem schwarzen Peter sitzen zu lassen - möglichst schon bevor die nächste Gesprächsrunde begonnen hat.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel probiert es mit der in den schwarz-blauen Jahren bewährten Trennung zwischen Gut und Böse. Und unterteilt die Gewerkschaft fein säuberlich in brave Verhandler und böse Streiker. Eine Taktik, die Schüssel schon nach den gescheiterten Koalitionsgesprächen mit den Grünen angewandt hat - auch damals waren diejenigen die Guten, die angeblich seine Vorschläge genauso toll fanden wie er selbst.

Wenn auch Schüssels Strategie jetzt genauso durchsichtig ist wie damals - die ihm lästige Gewerkschaft setzt er dennoch damit gehörig unter Druck. Der verhatschte Kompromiss, den der ÖGB nach der Verhandlungsnacht beschlossen hat, ist ein deutlicher Beleg dafür: Einerseits traut sich der ÖGB nicht, die Einladung zur Fortsetzung der Verhandlungen auszuschlagen - andererseits sind ihm die Ergebnisse zu dürftig, um die Streiks abzublasen. Daher will er gleichzeitig verhandeln und protestieren.

Eine verzweifelte Doppelstrategie, die das Dilemma der Gewerkschaften aufzeigt: Seit sich die Regierung nach langem Zögern zu Verhandlungen herabgelassen hat, sind sich die Gewerkschafter nie ^sicher, ob es ernsthafte Verhandlungen sind - oder ob die schwarz-blaue Koalition nur auf Hinhaltetaktik setzt, um Streiks zu verhindern. Eine Antwort auf diese Frage gibt auch die lange Verhandlungsnacht nicht: Sicher, diesmal waren Kanzler und Vizekanzler erstmals zu Zugeständnissen bereit. Allerdings scheint das Angebot, die Pensionskürzungen mit zehn Prozent zu begrenzen, nur deshalb großzügig, weil vorher von Kürzungen bis zu 40 Prozent die Rede war. Nur nach den geplanten Brutaleinschnitten wirken zehn Prozent wenig - für einen Gewerkschaftschef, der seinen streikbereiten Mitgliedern einen Verhandlungserfolg verkaufen soll, sind zehn Prozent aber immer noch viel. Zumal das große Ziel Harmonisierung nicht in Sicht ist.

Dennoch machen es auch kleine Verhandlungserfolge der Gewerkschaft schwer, einen Abbruch der Gespräche zu argumentieren - gerade im konsenssüchtigen Österreich.

Bleibt Vizekanzler Herbert Haupt als der bisher einzige Gewinner des runden Tisches. Er hat die Sozialpartner benutzt, um seinen Koalitionspartner ÖVP überhaupt an den Verhandlungstisch zu bringen - und ihm dort blaue Änderungen an den Pensionskürzungsplänen abzupressen, zu denen Schüssel vielleicht sonst nicht bereit gewesen wäre. Ein nicht unvifer Trick: Haupt hat die Initiative für die runden Tische gesetzt, sich damit als weniger stur als die Pensionsreformhardliner in der ÖVP verkauft - und sich mit den Sozialpartnern Verhandlungshelfer geholt.

Gleichzeitig kann der formale FPÖ-Chef jede kleine Abfederung der Pensionsreform als seinen Erfolg im hingebungsvollen Nachteinsatz für den kleinen Mann verkaufen. Die Probleme der Koalition sind damit allerdings noch nicht vom Tisch.

Selbst an der völlig unbedeutenden Nebenfront eines Pensionsantrags der Kärntner FPÖ im Petitionsausschuss konnten sich die Regierungsparteien nicht auf eine gemeinsame Linie einigen, die FPÖ hat mit der Opposition gestimmt. So belanglos der Anlass ist, er zeigt, wie groß die Verwerfungen in der Koalition zur Pensionsreform sind. Das Getöse um Annäherung oder Scheitern am runden Tisch kann nicht überdecken, dass die Regierung noch keine gemeinsame Lösung zur Pensionsreform vorgelegt hat, der genügend Abgeordnete zustimmen. Und dabei kann ihr auch der Sündenbock Gewerkschaft nicht helfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)