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Peter Pakesch: Mir fällt auf, dass ein viel zu geringes Bewusstsein für die Sammlung vorhanden ist.

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Vor einem Vierteljahrhundert, exakt 1979, gestalteten Peter Weibel und Peter Pakesch in Graz die Ausstellung "Kunst im Schaufenster". Jetzt haben die beiden wieder einmal beruflich miteinander zu tun. Denn Pakesch, 1955 in Graz geboren, ist seit Jänner der künstlerische Direktor des steirischen Landesmuseums Joanneums, das 1811 von Erzherzog Johann gegründet wurde und fast unüberschaubare Größe erlangte: Es ist auf mehrere Standorte verteilt und besteht aus 17 Sammlungen. Eine davon ist die Neue Galerie mit Weibel als Chefkurator. Er ist auch der Gegenspieler von Pakesch, der sich als Galerist in Wien (1981-1993) einen Namen in der Szene gemacht hatte und zuletzt, seit 1996, die Kunsthalle in Basel leitete.

Das Joanneum war von der Politik lange Zeit vernachlässigt worden. Doch seit einigen Jahren wird renoviert wie reformiert. Und Gerhard Hirschmann, bis vor kurzen für die steirische Kulturpolitik zuständig, ließ das Museum ausgliedern: Das Joanneum, dem das neue Kunsthaus zugeschlagen wurde, wird jetzt als GmbH geführt. Nach vielen Schließjahren wurde nun das Volkskundemuseum wiedereröffnet. Aber noch viele Schritte harren der Umsetzung. STANDARD: Sie sind ein Spezialist für zeitgenössische Kunst. Was haben Sie denn mit Volkskunde am Hut? Pakesch: Mich interessiert die Materie, wie sie sich auch innerhalb der Volkskunde wissenschaftlich darstellen lässt, wobei wir ja immer mit der Ästhetik der jeweiligen Zeit der Präsentation konfrontiert sind. So ist das Material in einen gegenwärtigen Bezug zu setzen. Da glaube ich, etwas einbringen zu können. Andy Warhol, eine Ikone der heutigen Kunst, war ein großer Sammler von Volkskunde und hat sich Zeit seines Lebens darauf bezogen. Ich habe viel mit Mike Kelley gearbeitet, der ein Meister der Auseinandersetzung mit Trivialkultur ist. Mit ihm kann ich mir durchaus ein Projekt vorstellen. STANDARD: Am Joanneum gibt es die unterschiedlichsten Sammlungen: Jagd, Römerfunde, Mineralien, Urgeschichte. Und Sie sind kein Wissenschaftler. Pakesch: Es gibt sicher auch Bereiche, mit denen ich weniger zu tun habe, aber Fachleute in den Abteilungen und mit Wolfgang Muchitsch einen wissenschaftlichen Leiter. Das Museum ist auch ein Ort vielfältiger Zugänge. Mich interessiert die Universalität des Joanneums, die es in Europa einzigartig macht, seine Komplexität und damit die Möglichkeit, zum Beispiel Volkskunde und Gegenwartskunst miteinander spielen zu lassen. Ich will Prozesse auslösen, die das Museum dialogischer werden lassen. STANDARD: Sie sehen die Universalität als Vorteil. Das Joanneum ist aber auch ein monströser Gemischtwarenladen: Aufgrund der vielen Abteilungen gibt es divergierende Interessen - und viele Intrigen. Pakesch: Wir stellen uns vor, durch Transparenz, Kommunikation und klare Strukturen das Haus entsprechend harmonisch zu führen und damit Intrigen hintanzuhalten, so wie es zum Beispiel in der Wirtschaft möglich ist. Wenn Insuffizienzen der Vergangenheit - Sammlungen waren geschlossen und Mitarbeiter zur Untätigkeit verurteilt - solches Verhalten begünstigt haben, müssen wir dem entgegen wirken. Inhaltlich war einiges am Reformversuch meiner Vorgängerin Barbara Kaiser sehr sinnvoll, aber aufgrund der verkrusteten Strukturen schwer durchzusetzen: Das Joanneum war Teil der Landesverwaltung. Ohne die Ausgliederung hätte ich die Aufgabe nicht übernommen: Mit der GmbH lässt sich viel effizienter arbeiten. STANDARD: Die Töchter eines Mischkonzerns agieren oft autonom. Wäre das für das Joanneum denkbar? Pakesch: Im Prinzip ist an weitgehende Autonomie gedacht. In einem Mischkonzern sind aber die Geschäftsfelder derart unterschiedlich, dass die einzelnen Abteilungen wenig gemeinsam haben. Das Joanneum hingegen ist aber, um in dieser Sprache zu bleiben, ein spezialisierter Konzern, einzelne Abteilungen sind einander strukturell ähnlich: Es wird gesammelt, ausgestellt und wissenschaftlich gearbeitet. Die einzelnen Produkte, die wir anbieten sind inhaltlich unterschiedlich. Da müssen wir auch ansetzen und die Identifikation stärken. Im Vergleich zu Basel fällt mir auf, dass in der Öffentlichkeit ein viel zu geringes Bewusstsein für die Sammlungen und deren Bedeutung vorhanden ist. STANDARD: Am Joanneum gibt es mit Chefkurator Peter Weibel einen zweiten Fachmann für zeitgenössische Kunst. Wird es zum Hahnenkampf kommen? Pakesch: Natürlich gibt es unterschiedliche Positionen, aber ich habe bisher keine gröberen Differenzen festgestellt. Wir arbeiten übrigens zur Zeit an einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt für das Kunsthaus. STANDARD: Gab es nicht angesichts der Eröffnung "Phantom der Lust" von Weibel kuratiert, einen internen Streit, wer die Ausstellung eröffnen darf? Pakesch: Es gab interne kommunikative Schwierigkeiten. Es ging nur um eine Begrüßung. Aber ich war damit, dass Weibel als Kurator allein eröffnet, völlig einverstanden. STANDARD: Das Kunsthaus sollte, so die kulturpolitische Überlegung, der Neuen Galerie zur Verfügung stehen. Nun ist es aber vor allem Ihre Spielwiese. Pakesch: Davon weiß ich nichts. In Basel habe ich die steirische Kulturpolitik nicht verfolgt. STANDARD: 2001 haben Sie in Graz eine große Ausstellung für den "steirischen herbst" kuratiert. Noch bevor VP-Landeskulturreferent Gerhard Hirschmann die Ausschreibung veröffentlichte, standen Sie als Direktor fest. Wie gehen Sie damit um, nicht aufgrund eines demokratischen Verfahrens zum Direktor ernannt worden zu sein, sondern aufgrund einer parteipolitischen Entscheidung? Pakesch: Mir persönlich wäre es natürlich lieber gewesen, wenn mein Kontakt zu Hirschmann nicht an die Öffentlichkeit gelangt wäre. Wenn man nichts von mir gewusst hätte, hätten sich vielleicht auch andere Kandidaten gefunden. Es wäre sicher interessant gewesen, mich gegen einen gestandenen Museumsmann abzuwägen. STANDARD: Das gewölbte Kunsthaus ist ein spektakuläres Gebäude - und braucht wohl ebensolche Inhalte. Pakesch: Ich denke, das Programm wird spektakulär werden, den Räumen entsprechend, die wir am Anfang erst einmal abtesten müssen. Denn sie sind im Obergeschoss sehr eigenwillig. STANDARD: Das klingt irgendwie negativ. Pakesch: Nein, das wollte ich nicht ausdrücken. Die Räume sind sehr offen und damit unglaublich flexibel. Darin sehe ich auch eine große Qualität. Nur: Wir müssen mit ihnen leben lernen. Das Kunsthaus ist kein White Cube wie die Basler Kunsthalle. Dementsprechend ist auch das Programm angedacht: Die erste Ausstellung Ende Oktober setzt sich mit der Wahrnehmung auseinander. Ich plane auch eine große Installation mit Sol LeWitt, der wie kaum ein anderer große Räume zu beherrschen imstande ist. STANDARD: Abgesehen von der Neuen Galerie waren die Ausstellungen des Joanneums in den letzten Jahren zum Teil sehr schlecht besucht. Was ist Ihr Ziel?

Pakesch: Aufgrund des Kulturhauptstadtjahres haben wir heuer sehr viele Besucher. So ein Ergebnis wird allerdings nicht leicht zu halten sein. Wir hoffen daher, in fünf Jahren, wenn die erste Vertragsperiode gelaufen ist, die selben Zahlen wieder zu erreichen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)