Riegersburg:

Die einen gewinnen, die anderen bauen, die Öffentlichkeit zahlt

Die Vorgeschichte ist tadellos: Die steirische Riegersburg wünschte sich eine neue Erschließung in Aufzugsform, weshalb man einen "geladenen Ideen- und Gestaltungswettbewerb für eine attraktiv-kulturelle Erschließung" auslobte: Einstufig, nicht anonym, prominent besetzte Jury (Georg Driendl, Heinz Lang (Halle 1), Rüdiger Lainer, Dieter Bogner  u.a.).

Dazu neun geladene Hochkaräter, und zwar Thom Mayne, Eichinger oder Knechtl, Coop Himmelb(l)au, Szyszkowitz-Kowalsky, Günther Domenig, Propeller Z u.a.

Letztere gewannen in Arbeitsgemeinschaft mit dem Werkraum am 27. März 2000 das Verfahren. Der Auslober ("Haus der Region" und "Verein zur Förderung des Vulkanlandes", beraten von Wolfdieter Dreibholz, also auch keinem Anfänger) erklärte sich dazu bereit, den Verfasser des erstgereihten Projekts unter noch zu vereinbarenden Bedingungen mit den weiteren Planungsleistungen zu beauftragen. Auf einer Pressekonferenz am 12. April erklärte Landesrat Gerhard Hirschmann den siegreichen Propeller Z-Entwurf zum "Leitprojekt für die ganze Region" und sagte eine Co-Finanzierung des Landes Steiermark zu.

Bereits im Mai erfuhren die Architekten nach telefonischer Nachfrage, dass das Unterfangen derweilen auf Eis gelegt sei, denn erst nach der Landtagswahl im Oktober könne man die Finanzierung auf sichere Fundamente stellen. Danach war Funkstille.

Drei Jahre später, im März dieses Jahres, durften die Architekten zufälligerweise zu ihrem Erstaunen vor dem Fernsehapparat miterleben, wie mittels Hubschrauber Teile einer Stahlkonstruktion für eine neue Liftanlage auf die Riegersburg gehoben wurden. Am 11. Mai konnte die in der Zwischenzeit von den Kollegen Killinger und Fink ausgeführte Schrägaufzugskonstruktion der Öffentlichkeit übergeben werden.

Als Bauherr tritt nunmehr die "Riegersburg Infrastruktur Errichtungs- und Betriebs GmbH" auf, in die das Land Steiermark am 16. September 2002 günstigerweise 2,9 Millionen Euro als (stillen) Gesellschafteranteil eingebracht hat. Die Burg selbst steht allerdings im Privatbesitz der Familie Liechtenstein, der Auftrag an Killinger und Fink, die am Wettbewerb nicht teilgenommen hatten, wurde freihändig von der Prinzessin Annemarie von und zu Liechtenstein vergeben.

Sie erklärte dem ALBUM gegenüber, sie selbst habe die nunmehrigen Planer persönlich ausgewählt, und zwar als "Privatperson", und ja, "Landesgelder" seien geflossen. Liechtenstein dürfte Killinger und Fink freundschaftlich zugetan sein, denn als die in Kroatien 2001 eine Hotelanlage eröffneten, spendete sie laut "Daily Bulletin" "einen Großteil des antiken Mobiliars und der Gemälde" für die Einrichtung.

Als Riegersburgherrin zeigte sie sich in Presseberichten nun ihrerseits "überaus dankbar" für die politischen Geldspenden. Auf die Frage, wie hier eine "Privatperson" freihändig mit Landesgeldern jonglieren und die Planer nach Gutdünken auswählen könne, gab sie die Antwort: "Darf man das nicht?"

Propeller Z meinen nein, sie haben ihre Anwälte mit der Sache bemüht, denn, so Kriso Leinfellner: "Bei öffentlichen Zuschüssen dieser Größenordnung müsste ein Vergabeverfahren astrein abgewickelt werden." Das Land selbst hat die Gelder über den Verkauf von Thermen an Gemeinden lukriert. Das Aufzugs-Bauvolumen war im Wettbewerb mit 2,5 Millionen Euro veranschlagt gewesen.

Thalia

Investorendruck contra Denkmal- schutz, und Bürger, die sich das alles nicht gefallen lassen wollen

An der Ecke Girardigasse und Opernring in Graz steht seit 1956 ein charmantes Gebäude, das Thalia heißt. Heute ist das 50er-Jahre Denkmal von Rudolf Vorderegger unter Schutz gestellt, ein wenig angerottet und vernachlässigt, und Zentrum eines kleinen Machtkampfes zwischen Architekten, Investoren, der Stadt und ihren Bürgern.

Das Haus, ehemals Kino, Tanzcafé und jahrzehntelang beliebter Treffpunkt von Künstlern, Architekten, Intellektuellen, stand stets in Privatbesitz, die Liegenschaft gehört der Stadt und war mittels eines Superedifikats bebaut worden. Dieses wechselte ab den 90er-Jahren wiederholt um unbekannte Summen den Besitzer und landete schließlich bei der Alpine Mayreder Bau GesmbH-Tochter Acoton.

Die veranstaltete im Winter 2001/02 ein Minimalgutachterverfahren zum Zwecke der Grundstücksverwertung mit gerade einmal drei Teilnehmern, das Heiner Hierzegger für sich entschied. Alle Grazer Architekturinstitutionen hatten zuvor lautstark einen öffentlichen Wettbewerb gefordert, das Thalia-Areal direkt neben der Oper sei städtebaulich äußerst sensibel, der alte Bau selbst eine delikate Tortenecke im Stadtmenü, jedes dort geplante Projekt erfordere also umfassende und sorgfältige Behandlung.

Die seit dem Wettbewerb vorliegenden Planungen stoßen sowohl in der Architektenschaft als auch in der Grazer Bevölkerung auf heftige Ablehnung. Der Thalia-Vorgarten soll überdacht und zur Einkaufspassage gemacht werden, über dem denkmalgeschützten Gebäude ragt ein doch eher massiver Hotelblock empor, dahinter befindet sich ein weiterer "Ziegel" als Probebühne für die Oper. Alles in allem, so darf man sagen, handelt es sich um eine klassische Investorenarchitektur: viel verwertbare Fläche, simples Strickmuster, ordentlich ausgereizte Kubaturen.

Dagegen ist wenig einzuwenden, doch immerhin soll hier in der Schutzzone II der zum Weltkulturerbe erklärten Grazer Innenstadt gebaut werden, und zwar großformatig. Parallelen zu Wien Mitte drängen sich auf, doch in Graz machen gleich mehrere Instanzen Wind gegen das Projekt.

Das Gutachten der Altstadtsachverständigenkommission (ASVK) fiel negativ aus, kann allerdings mit einem Gegengutachten widerlegt werden. Der Bauherr engagierte also Denkmalschutzintimus Manfred Wehdorn für eine weitere Begutachtung, die sich zwar nicht negativ, aber auch nicht gerade euphorisch, also insgesamt von geschmeidiger Diplomatie zeigte.

Der Denkmalamtsbescheid des Landes fiel ebenfalls negativ aus, weshalb der Chef der Chefs, Bundesdenkmalamtsoberster Wilhelm Georg Rizzi, nach Graz zum Lokalaugenschein gebeten wurde.

Sein Bescheid wird mit Spannung erwartet, er könnte zum Zünglein an der Waage werden, denn er entscheidet über die Umsetzbarkeit der Baugenehmigung, die im übrigen bereits erteilt wurde.

Derweilen unterschrieben über 2000 Grazer Bürger gegen das Projekt, der Denkmalpflegerat ICOMOS-Österreich schaltete sich lautstark gegen das Bauvorhaben ein, der Verein Grazer Altstadt (dem immerhin Leute wie Peter Weibel und Nikolaus Harnoncourt angehören) legte Protest ein und erstattete Anzeige in Brüssel.

Die Begründung: Hier würden öffentliche Mittel zur Bebauung öffentlicher Gründe verwendet, denn die Gebäude fallen laut Vertrag im Jahr 2047 wieder in den Besitz der Stadt zurück.

Zum Verständnis: Die Stadt Graz verkauft ein Baurecht und kauft dieses sodann teilweise für die Vereinigten Bühnen (Oper) wieder zurück. Laut den Unterlagen der Projektgegner erwirbt die Stadt Graz Baurechtsmiteigentumsanteile, also die für die Vereinigten Bühnen neu errichteten Räumlichkeiten und Anlagen mit einer Bruttogeschoßfläche von knapp 2.000 Quadratmetern um einen Kaufpreis von 5 Millionen Euro, das Land Steiermark trägt 2,9 Millionen bei. Nach der Durchforstung diverser Vergabegesetze könnte angenommen werden, dass eines der so genannten Umgehungsgeschäft vorliegt, für die Österreich bei der EU-Kommission mittlerweile berühmt ist.

In einem mit 27. Jänner 2003 datierten Schreiben an Bürgermeister Siegfried Nagl (damals Finanzstadtrat) unternahm der Grazer Architekt Volker Giencke nochmals einen Rettungsversuch: "Da weder die Wettbewerbsausschreibungen noch die Auswahl der drei eingeladenen Architekten noch die Zusammensetzung der Jury den Bestimmungen der Bundesingenieurkammer der Architekten entsprochen hat, wurde dieser Wettbewerb von Anfang an beeinsprucht. Das vorliegende Projekt gibt im Nachhinein der ablehnenden Haltung der Ingenieurkammer Recht." Der "Frust" unter den Architekten sei "so groß, dass sich meine Kollegen und etliche andere Kultur- und Kunstschaffende dazu entschlossen haben - sofern das irgendwie möglich sein sollte - den Bestand der Thalia zu den gleichen Bedingungen, die der jetzige Bauträger hatte, zu kaufen und zu betreiben". Versteht sich von selbst, dass die Versuche im Sand verliefen.

Fazit: Die Stadt lässt die Verantwortung für eine ihrer sensibelsten Tortenecken fahren, engagiert einen Massenwarengroßbäcker, pfeift auf die Kunstfertigkeit aller anderer Zuckerbäcker, reserviert sich zugleich aber ein Stück des Kuchens und stellt sozusagen noch das Backrohr zur Verfügung. G'schmackig ist jedenfalls anders.

20er Haus

Wie man mit voluminöser Wettbewerbsausschreibung deklariert, dass man nicht weiß, was man will

Der Brüsseler Weltausstellungspavillon von Karl Schwanzer aus dem Jahr 1958 ist zweifelsfrei eines der interessantesten Häuser der Moderne in Österreich, was nicht nur daran liegt, dass es es kaum Häuser der Moderne bei uns gibt. Schwanzers elegante, leichte Konstruktion ist ein Schmuckstück, eine Augenweide und das wohl markanteste Denkmal einer ganz bestimmten Epoche.

Derzeit gammelt es ein wenig vor sich hin, steht in Nachbarschaft zum noch vergammelteren Südbahnhof und soll künftig von der Österreichischen Galerie im Belvedere bespielt werden. Doch wie? Und womit? Und in welcher Form?

Zum Glück gibt es die stets allzeit bereite Gilde der Architekten, und die, so wollen es die verwaltende Burghauptmannschaft und die Galeristen, werden schon eine Lösung finden. Zu diesem Zweck veranstaltete man einen derzeit laufenden Architekturwettbewerb, der, nach Lektüre der entsprechenden voluminösen Ausschreibung, beim Leser ein Gefühl der endgültigen Sinnentleerung hinterlässt. Denn was man eigentlich mit diesem schönen Haus anfangen will, bleibt rätselhaft.

Für Martin Schwanzer, den Sohn des Architekten, ist die Ausschreibung ein "Musterbeispiel eines Wettbewerbs, der zur Befüllung eines Vakuums dient, und der legitimierte Missbrauch demokratischer Verhältnisse".

Er steht mit seiner Kritik nicht allein da. Die IG Architektur hat in einer umfangreichen Aussendung Stellung zum Wettbewerb bezogen und ortet bereits im Vorfeld gravierende Verfahrensmängel: "Ein derart widersprüchliches und inhaltlich unausgereiftes Verfahren lässt kein Ergebnis auf dem der Aufgabe entsprechenden Niveau erwarten." Als Folge seien bereits jetzt "Beeinspruchungen und mediale Polemiken" absehbar.

Zu den einzelnen Kritikpunkten: Es sei im "extrem detaillierten Raumprogramm" (etwa 1.200 Quadratmeter zusätzliche Nutzflächen, drei unabhängig bespielbare öffentliche Funktionsbereiche samt Verdoppelung von Infrastruktur und Verwaltung) absolut kein inhaltliches Konzept erkennbar; die zu erbringenden besonderen "Sicherheits- und Klimaanforderungen" brächten "gravierende Probleme mit den schlanken Strukturen des Gebäudes"; auf das städtebauliche Umfeld würde in keiner Weise eingegangen.

Doch auch juristisch-verfahrenstechnisch orten die Architekten bedenkliche Tendenzen: So stelle sich das Verfahren bei genauerer Durchsicht der Unterlagen nicht als, wie deklariert, zweistufiger, offener baukünstlerischer Wettbewerb dar, sondern als Verhandlungsverfahren; die Anonymität sei aufgrund der Eingabebedingungen schon in der ersten Stufe quasi aufgehoben, in der zweiten sowieso; es würden keine Preise zuerkannt, es sei kein Preisgeld für das erstgereihte Projekt vorgesehen, was ohnehin obsolet sein dürfte, denn "anscheinend ist auch keine Reihung der abgegebenen Arbeiten in der zweiten Phase vorgesehen".

Fazit: Die Ausschreiber wissen offensichtlich nicht, was mit dem Haus geschehen soll und wälzen die Verantwortung auf die ideenbringenden Planer ab, die später zur Verantwortung gezogen werden können, wenn etwas nicht passt. Eine Funktions- und Nutzungsstudie John Seilers existiert zwar, "wurde aber nicht beigefügt oder sonst irgendwie einsehbar gemacht". IG-Mann Andreas Vass: "Das Verfahren ist in Folge des neuen Vergabegesetzes kein Einzelfall, deshalb muss man jetzt etwas unternehmen." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)