Blauer Rauch, metallisches Motorengeräusch und ein Bremsweg wie ein Kreuzfahrtschiff – die Zweitakt-Vespa ist endlich wieder da

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal die Hosen so voll hatte. Beim Faber habe ich die neue echte Vespa ausgefasst. Die PX 125. Eine Zweitakter, ganz im alten Stil, nur mit einem Motor, der die aktuellen Abgasnormen schafft. Den Abgasvorschriften zollt der Motor auch ordentlich Tribut. Der 125er-Plärra hat eine Leistung von 6,5 PS und ein Drehmoment von 9,5 Newtonmeter. Im Vergleich dazu hat etwa der Yamaha X-Max mit seinem Viertakter und seinen 14 PS mehr als doppelt so viel Leistung. Doch die Leistungsschwäche ist nicht der Grund, warum ich um mein Leben fürchte.

Foto: Gluschitsch

Es ist auch nicht der blaue Rauch, der beim Kaltstart aus der Vespa quillt, als gäbe es eine Disco einzunebeln. Aus der Garage musste ich flüchten, so lange ich noch etwas gesehen habe - im Freien ist das, gerade in Wien, wo immer ein Wind geht, kein Problem. Nach wenigen Sekunden ist der Spuk des Rauchens vorbei, und die Vespa klingelt im feinsten Zweitakt-Sound vor sich hin. Läuft der Motor, schüttelt es den ganzen Roller so durch, dass man sich in den Spiegeln nicht einmal die Haare richten kann, weil man den eigenen Kopf kaum findet.

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Meine Panik hat auch nichts mit der Vier-Gang-Handschaltung zu tun. Ich stamme ja bereits aus einer Generation, wo man das recht früh gelernt hat. Genau wie damals, habe ich mich das eine oder andere Mal verschalten, aber das macht nichts und ist schnell korrigiert. Ich bemüh mich aber, sauber zu schalten. Denn erstens schaffe ich es nur dann, dem Autoverkehr davon zu fahren, und zweitens würde ich wegen der strengen Kupplung bald einen linken Arm bekommen, der eher mit meinem Oberschenkel konkurriert als mit dem rechten Ärmel.

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Warum ich die Hosen gestrichen voll habe, liegt am Fahrwerk. Ein Ritt auf dem Badeschwamm kann nicht wackeliger sein. Mich erinnert das an einen kleinen Ausflug mit Harald Fidlers uralt-125er, auf der ich auch bei 30 km/h Schweißausbrüche bekam. Das war das gleiche Fahrgefühl. Als ob der hintere und der vordere Teil des Rollers nur mit Draht zusammengehalten würden. Bei jedem Schlagloch verbiegt sich die ganze Vespa. Nur, Ausweichen ist auch keine Alternative, weil das rasche Lenken einem Drahtseilakt entspricht. Drückt man den Lenker weg, verbiegt sich erst der Vorderteil, dann zockelt der Hinterteil nach, und plötzlich wackelt man einen Haken, als könnte man nicht einmal Rad fahren.

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Was die aktuelle PX 125 viel besser kann als Fidlers Primavera, das ist Bremsen. Die Primavera hat zwar den Hand- und Fußhebel, aber die sind zu 98 Prozent Kosmetik. Bei der neuen Vespa ist das deutlich besser. Sie verzögert zumindest adäquat zu ihrer Beschleunigung. Das schließe ich schon allein daraus, weil die 200-Millimeter Scheibenbremse recht laut quietscht, sobald man den Hebel zieht, und dann einen Sekundenbruchteil später die Vorderradaufhängung durchschlägt.

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Hinten bremsen geht nicht nur, es ist sogar Pflicht, wenn man langsamer werden will. Die Trommelbremse ist jetzt natürlich auch nicht die Feinfühligste. Jetzt weiß ich endlich, was vorausschauendes Fahren ist. Machst du das nicht: Platsch.

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Angehupt werde ich ja öfter. Aber auf der Vespa ist es mir das erste Mal passiert, dass man mich anhonkte, weil ich zu langsam war und dann auch noch zu früh bremste. In der Lederjacke und dem Ring-Helm mit dem verspiegelten Visier war mir das aber ziemlich wurscht, und ich hab einfach versucht, wahnsinnig lässig auf der Vespa zu sitzen, während ich hinter dem Spiegel probiert hab, nicht zu weinen.

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Weil eines ist für mich jetzt klar. Sollte ich mir irgendwann einen Roller kaufen, dann wird es die PX. Es gibt nichts Geileres mit Trittblech. Da ist es vollkommen egal, ob man hier und da kleine Abstriche machen muss. Ich brauch die Vespa ja eh nicht, um am Pann eine neue Rundenzeit aufzustellen.

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Obwohl, vermutlich ginge sogar das, wenn ich nicht so ein Feigling wäre. Denn, als ich vor wenigen Tagen eine Ausfahrt des Leibnitzer Vespaklubs Scooteria Leibnitz gesehen habe, war das eine Lektion in Demut. Bei strömendem Regen und rutschigen Straßen - der Bayrische hat mit dem Hintern gewackelt wie eine Milchkuh beim Almabtrieb - sind diese Helden der Landstraße mit einem Affenzahn an mir vorbei. Auf Vespas aus den 1960er- und 70er-Jahren.

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Vespa PX 125
Motor: 1-Zylinder-2-Takt-Motor | Hubraum: 123 ccm | Leistung: 4,8 kW (6,5 PS) bei 6.000 U/min | Drehmoment: 9,5 Nm bei 4.250 U/min | Getriebe: 4-Gang Handschaltung | Radaufhängung vorne: Einarmschwinge mit Spiralfeder und dual action Monodämpfer | Radaufhängung hinten: Spiralfeder und dual action Hydraulikstoßdämpfer | Bremse vorne: Scheibenbremse, Ø 200 mm | Bremse hinten: Trommelbremse, Ø 150 mm | Reifen vorne: 3,5 - 10“ | Reifen hinten: 3,5 - 10“ | Leergewicht: 120 kg | Sitzhöhe: 810 mm | aktueller Aktionspreis: ab 3.599 Euro 

Informationen: Vespa; Scooteria Leibnitz

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