Bild nicht mehr verfügbar.

Trauernde in Oslo.

Foto: EPA/JOERG CARSTENSEN

Was war das doch noch vor drei Wochen für ein mediales Getöse. Das Londoner Schmuddelblatt "News of the World" wurde von Eigentümer Rupert Murdoch ruckzuck eingestellt, weil herausgekommen war, dass dessen Redaktionen private Mobiltelefone abgehört und darüber hinaus die Mobilbox eines ermordeten jungen Mädchens manipuliert hatten. Von medialer Selbstreinigung und ethischen Reinigungsprozessen war groß und laut die Rede.

Das Imperium des Medienmoguls Murdoch hatte sich als Inkarnation des Bösen geoutet, der britische Premier war indirekt involviert, die britische Medienszene arg bekleckert - das Ganze wuchs aus zu einem gefundenen Fressen für den Rest der nationalen und internationalen Medien. Die Kommerzialisierung der Pressefreiheit wurde auch hier in diesem Blog an den Pranger gestellt. Und dann, was kam dann?

Dann kam, salopp gesagt zum Glück des Murdoch-Konzerns, der ideologische Massenmörder von Oslo. Ein kühl berechnender Killer, der nach penibelsten Vorbereitungen Bomben im norwegischen Regierungsviertel gelegt und auf der Insel Utoya 68 sozialdemokratische Jugendliche gezielt und brutal niedergeschossen hatte.

Insgesamt hat der Täter laut heutigem Wissensstand 76 Menschenleben auf dem Gewissen. Wäre ihm nicht die "Nachlässigkeit" unterlaufen, mögliche Verspätungen, bedingt durch den dichten Freitagnachmittagsverkehr zu ignorieren, wäre womöglich die Zahl der Toten im Osloer Regierungsviertel um ein Vielfaches größer gewesen.

Und wie reagierten die Medien, auch jene, die nicht zu Murdochs Eigentum zählen? Sie setzen sich - genauso wie die M-Medien - voll und ganz auf die Killerstory. Porträtierten in den Aufmacher-Stories weniger die Opfer als vielmehr den Mörder, noch dazu in allen möglichen Kostümierungen, gaben den rechtsradikalen Schriften des christlichen Abendlandretters breitestmöglichen Raum.

Als Killerargument diente die auflagenfördernde Neugier auf den Mörder, der im Laufe der Berichterstattung bisweilen sogar zum Amokläufer, zum Attentäter und schließlich dank seinem Anwalt zum Wirrkopf mutierte: eine unerwartete Steigerung der Inkarnation des Bösen.

In Österreich verstieg sich sogar ein FPÖ-Politiker dazu, den Massenmord von Oslo in Relation zur "islamistischen Gefahr" zu stellen und dreist zu behaupten, die Opfer der "schrecklichen Bluttat" in Oslo würden "für politische Zwecke gegen rechts instrumentalisiert". In Wien kündigte die Innenministerin verschärfte Antiterrorismusgesetze an. Das könnte schließlich auch Folgen für die ungeliebte investigative Berichterstattung haben.

In diesem fernen Alpenland hört offenbar niemand dem Ministerpräsidenten zu, der zutiefst betroffen aber dennoch gefasst erklärt, dass Meinungs- und Pressefreiheit in Norwegen ein geachtetes Menschenrecht bleiben werde. Norwegen setzt auf den demokratischen Zusammenhalt der Gesellschaft, Österreich auf Paragraphen und angebliches Schutzbedürfnis der Gesellschaft.

Und Großbritannien? Dort bleibt Murdochs Sohn James trotz des "News of the World"-Skandals nun doch Vorsitzender des Verwaltungsrates des Bezahlsenders BSkyB. 39 Prozent des Senders sind bereits im Besitz des Murdoch-Imperiums. Bevor die Recherchemethoden der M-Medien im Juli bekannt geworden waren, wollte der Medienmogul den gesamten Sender aufkaufen. Die Pietät ließ dies zunächst nicht mehr zu. Seit dem Massenmord am 22. Juli in Norwegen ist jedoch auch anderswo vieles anders. Warten wir ab, was die Zukunft bringt.

Apropos Murdoch: Einem Leserbriefschreiber der Süddeutschen Zeitung fehlt bisher die Analyse, dass die M-Medien nicht nur die US-amerikanische Tea Party-Bewegung sondern auch den europäischen Rechtspopulismus munitioniert. Auch das ist ein bemerkenswertes Medienthema.