Mit diesem Spezialeffekt hat niemand gerechnet: Alice (Elle Fanning) und ihre Filmemacherfreunde werden in J. J. Abrams' "Super 8" zu Zeugen einer Katastrophe.

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Wien - Je mehr Attraktionen ein Unterhaltungsfilm aufzubieten hat, desto höher sind seine "Production Values", von denen man sich dann auch ein gesteigertes Publikumsinteresse verspricht. Diese Milchmädchenrechnung des modernen Kinos hat auch schon der Teenager Charles (Riley Griffiths) verstanden, der gemeinsam mit ein paar Freunden unterwegs ist, einen Zombie-Amateurfilm auf Super-8 zu drehen. Die Effekte sind darin zumeist selbstgebastelt, deswegen muss die Realität den Film zusätzlich dynamisieren. Rattert zum Beispiel ein Zug beim Dreh an einem stillgelegten Bahnhof durch, ertönt schon der Schlachtruf des Nachwuchsregisseurs: "Production Value!"

Die Szene verfügt über einige Ironie, war es doch nicht viel mehr als ein spektakulär entgleisender Zug, den man vor dem Start des eisern unter Verschluss gehaltenen Science-Fiction-Blockbusters Super 8 zu sehen bekam. Tatsächlich trauen die jugendlichen Filmfreaks dann auch ihren Augen nicht, als in einer virtuos exekutierten Actionszene die Waggons über ihre Köpfe hinwegsegeln und Feuer fangen. Die Kamera läuft unbemerkt eine Zeitlang weiter und filmt das katastrophische Geschehen mit, das nach allem anderen als nach einem gewöhnlichen Unfall aussieht.

Kann es auch keiner sein, weil US-Regisseur J. J. Abrams der Mann hinter Super 8 ist. Zeitungen wie der Guardian oder die New York Times bezeichnen ihn einhellig als den größten Geek unter popkulturell versierten Hollywood-Autoren. Vor allem die TV-Serie Lost hat ihn bekannt gemacht, mit der Neuauflage von Star Trek hat er 2009 bewiesen, dass er auch ein altes Flaggschiff auf einen zeitgemäßen Kurs zu bringen vermag. Mit Super 8 erfüllt sich Abrams nicht nur einen Kindheitstraum, der Film lässt sich als regelrechte Revision eines Kinos der späten 1970er- und 1980er-Jahre betrachten, vor allem von Steven Spielbergs frühen Filmen wie Close Encounters of the Third Kind und E.T.

Die Walkman-Ära

Mit schöner Aufmerksamkeit für zeithistorische Details platziert er das Szenario so auch in einer US-Kleinstadt des Jahres 1979. Schon der Film-im-Film-Topos verweist nostalgisch auf die eigene Kindheit und den Wunsch, mit teurerem Spielzeug auch einmal in einer anderen Liga zu reüssieren. Es ist eine Zeit, in der es noch keine digitalen Kommunikationsmittel gab, sondern ein Walkie-Talkie räumliche Distanzen zu überbrücken half und der lokale Sheriff noch von der schädlichen Wirkung eines fragwürdigen Geräts namens Walkman sprechen konnte.

Auch die Erzählung nimmt an Vorbildern Maß. Die vom "Make-up-Spezialisten" Joe (Joel Courtney) angeführte Bubenbande, die noch von dem starken Mädchen Alice (Elle Fanning) ergänzt wird, gerät mit ihrem Dreh mitten hinein in eine Verschwörung, in der das Militär und ein Wesen mit unbekannter Herkunft die tragenden Rollen spielen. Abrams gibt wie schon in dem von ihm produzierten Monsterfilm Cloverfield wenig preis - Hunde, Autos und andere Metallteile verschwinden auf mysteriöse Weise - und spielt dafür in pointiert gebauten Spannungsszenen mit den Erwartungshaltungen des Zuschauers. Die "Production Values" sind hier vor allem für die Nachwuchsfilmer enorm, die den großen Film da draußen quasi als Kulisse für ihren kleineren verwenden können.

Diese erzählerische Doppelführung ist die charmanteste Idee von Super 8, weil sie das Genre und seine typischen Versatzstücke wie einen Themenpark benutzt, den dann die Teenager mit Mountainbike, ausgeliehenem Auto oder nur laufend durchqueren. Für Gefühlswirren zwischen Alice und Joe findet sich auch noch Platz. Wie sich hier ein digitales Kino als erweiterter Spielplatz der Fantasie begreift, der seine Attraktionen dem analogen Zeitalter verdankt, verfügt über beträchtlichen Reiz. Abrams hegt allerdings nicht den Anspruch, den Film über eine Hommage hinauszuführen. Das unterscheidet ihn von Regiekollegen wie David Fincher, der das Digitale stärker ausstellt.

Gerade im letzten Drittel, in dem Super 8 seine Geheimnisse lüftet, bleibt der Film auch ein paar Einfälle schuldig. Abrams zitiert Erlösungsfantasien, für die auch schon das Kino eines Steven Spielberg viel übrig hatte, und traut sich keinen eigenen Weg zu. Ungeachtet dessen kann man für diesen Film, der sich einer aufrichtigen Liebe zu Monstern und nicht nur einer Recycling-Idee verdankt, in diesem Sommer mehr als dankbar sein. (Dominik Kamalzadeh//DER STANDARD, Printausgabe, 3. 8. 2011)