Ein vertrautes Muster: Wer innenpolitisch unter Druck steht, spielt nach außen den starken Mann. Der russische Regierungschef Wladimir Putin ist Vorsitzender der Kreml-Partei Einiges Russland (ohne deren Mitglied zu sein - eine demokratiepolitische Delikatesse). Diese verliert mit dem Näherrücken der Parlamentswahlen am 4. Dezember laufend an Zuspruch. Das trifft auch Putin.

Der Premier hat, zumindest offiziell, noch nicht entschieden, ob er bei der Präsidentenwahl im Frühjahr antritt. Hinter den Kulissen läuft eine Kraftprobe mit Amtsinhaber Dmitri Medwedew, die immer mehr den Machtkämpfen aus Sowjetzeiten ähnelt. Mag es anfangs ein funktionierendes Tandem gewesen sein - jetzt nicht mehr.

Medwedew hat sich offensichtlich von seinem Mentor Putin emanzipiert. Beide haben klar unterschiedliche Vorstellungen über Russlands weitere Entwicklung wie über Moskaus internationale Rolle. Vereinfacht ausgedrückt, setzt Medwedew mehr auf innere Stärke durch echte Reformen, Putin auf äußere - und äußerliche - Stärke durch verbale und organisatorische Muskelspiele.

Zu Letzterem gehören die Gründung der "Allrussischen Volksfront" ebenso wie die jüngsten Äußerungen über einen Zusammenschluss mit Weißrussland und Kritik am "Finanzparasitentum" der USA. Putin will das Gesetz des Handelns bestimmen und Medwedew in die Defensive drängen. Als Garanten für Stabilität kann er sich damit aber kaum noch verkaufen. (DER STANDARD Printausgabe, 3.8.2011)