Gegen den Terror sind alle. Aber in einem Punkt stößt Anders Behring Breivik auf breite Zustimmung, von H.-C. Strache bis zum Presse- Chefredakteur Michael Fleischhacker: mit dem Nein zur Political Correctness. Es gibt offenbar auch jenseits der rechtsextremen Parteien in ganz Europa ein verbreitetes Unbehagen darüber, dass man angeblich gegen die Zuwanderung von Muslimen nichts sagen darf. Die Gutmenschen, linken Träumer, blauäugigen Moralapostel und Kulturmarxisten erlauben es nicht. Ist an diesem Befund etwas dran?

Ein Gegenargument wäre, dass diejenigen, die sich als Opfer der Political Correctness fühlen, ebendiese dauernd verletzen. Neger und Zigeuner darf man ja heute nicht mehr sagen, erklären sie - und sagen es. Über Kopftücher und Moscheen darf man sich nicht beschweren - aber sie tun es und das ganz ungestraft. Ganz so schlimm kann also die Verfolgung der armen politisch Inkorrekten nicht sein.

Aber es stimmt, dass sich unter zivilisierten Europäern ein Anstandscode durchgesetzt hat, der gewisse Äußerungen verpönt. Niki Lauda mag es nicht gefallen, dass Alfons Haider mit einem jungen Mann Tango tanzt, aber wenn er diesen seinen Abscheu öffentlich hinausposaunt, wird er gerügt. Nicht wenigen Männern geht es gegen den Strich, wenn ihr Chef eine Frau ist, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Türkenbuben und die Kopftuchfrauen im Park gehen vielen auf die Nerven, aber "Daham statt Islam"-Plakate aufzuhängen überschreitet eine Grenze des guten Benehmens. So etwas kann man sich denken, aber man spricht es nicht aus. Ist das gut oder schlecht?

Aussprechen, was ist, forderte einst ein kluger Mann. Verdrängtes, das nicht ans Licht des Tages gebracht wird, meinen manche Psychologen, wuchert im Untergrund weiter und kommt möglicherweise später auf gewaltsame Weise wieder zum Vorschein. Immer das eine denken und das andere sagen ist auf die Dauer ungesund. Andererseits ist ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Menschen nicht möglich, wenn jeder seinen heimlichen Aggressionen freien Lauf lässt. Ohne die Einhaltung gewisser Benimmregeln geht es nicht.

Vielleicht wäre unserer schwierigen multikulturellen Gesellschaft schon ein wenig geholfen, wenn man das Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit von der hohen Ebene der Moral auf die etwas niedrigere Ebene des Anstands verlagerte. Muslime nicht zu mögen ist keine Todsünde, aber es gehört sich, anständig mit ihnen umzugehen. Man muss Fremde nicht lieben, aber man darf nicht ungehindert auf sie schimpfen.

Auch im täglichen Leben, im Beruf, in der Familie, in der Nachbarschaft, hat man mit Menschen zu tun, die einem nicht unbedingt sympathisch sind und deren Lebensstil man nicht teilt. Man wäre sie gern los. Das gibt einem aber nicht das Recht, verbal auf sie loszugehen und zu verlangen, dass sie verschwinden. Diese Regel nennt man Political Correctness. Sie ist manchmal nervig. Aber das Gegenteil ist sehr viel ärger. (DER STANDARD Printausgabe, 4.8.2011)