Fallende Baumaterialen, kein Helm. Oft schützen sich die Arbeiter nicht adäquat, oft stehen Schutzmaßnahmen gar nicht zur Verfügung.

Foto: Peter Diem

Bild nicht mehr verfügbar.

Baustellen gelten als die gefährlichsten Arbeitsplätze

Foto: APA

Rund alle zehn Tage geht in Österreich ein Bauarbeiter morgens zur Arbeit und kommt abends nicht nach Hause. Laut Zahlen der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) sterben hierzulande durchschnittlich 35 Menschen pro Jahr im Bauwesen, von 2004 bis 2010 ereigneten sich insgesamt 244 tödliche Unfälle. Dass die Zahl im Vorjahr mit 21 Verunglückten den niedrigsten Stand seit 2004 erreichte, ist für Johann Holper, den Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft Bau-Holz, kein Grund sich zurückzulehnen: "Das ist nicht zu akzeptieren. Das Thema Sicherheit und Gesundheitsschutz darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden."

Jeder fünfte Arbeitsunfall in Österreich - bei jenen mit Todesfolge sogar jeder vierte - betrifft Arbeitskräfte in der Bauwirtschaft, obwohl dort nur knapp sieben Prozent der Erwerbstätigen beschäftigt sind. Freilich ist das Risiko, auf Gerüsten und bei der Bedienung schweren Geräts zu verunglücken, höher als in klimatisierten Büros. Doch die alleinige Erklärung für die Abweichung ist das noch nicht.

Zeitdruck begünstigt Unfälle

Eine der wesentlichen Ursachen sind nicht eingehaltene Sicherheitsbestimmungen. "Bei den tödlichen Fällen sind die Gründe oft mangelnde Absturzsicherungen wie Fangnetze oder Sicherheitsgeschirre und Seile. Gerade auf Baustellen sind diese aber logistisch oft schwieriger einzusetzen als in einem normalen Betrieb, weil sie immer wieder auf- und abgebaut werden müssen", erklärt Andreas Kuschel, der stellvertretende Amtsleiter der Arbeitsinspektion für Bauarbeiten in Wien.

"Es gibt aber auch viele Fälle, wo die Arbeitnehmer sich selbst nicht sichern und Vorschriften, teils aus Unverständnis, teils aus Überschätzung, missachten", meint Kuschel: "Unfälle passieren meistens dann, wenn unter Zeitdruck gearbeitet wird oder kleinere Arbeiten erledigt werden und fälschlicherweise angenommen wird, dass es zu aufwändig wäre, besondere Vorkehrungen zu treffen."

"Natürlich gibt es immer eine Gefahr"

Beim Lokalaugenschein auf einer Baustelle in Wien-Hernals tragen nicht alle Arbeiter einen Schutzhelm. "Natürlich gibt es immer eine Gefahr. Die gibt es aber auch, wenn man Taxifahrer ist", sagt einer der Arbeiter mit gelbem Helm auf dem Kopf. Auch einige Straßen weiter im Ottakringer Brunnenviertel fühlen sich die Arbeiter für ihre Gesundheit selbst verantwortlich: "Polier, Arbeitsinspektoren und Bauherren kommen regelmäßig vorbei und schauen, ob alles nach Vorschrift gemacht wird. Am besten wissen aber wir Arbeiter, was gefährlich ist und ob wir dazu einen Helm brauchen."

Auch Andreas Kuschel hält eine generelle Schutzhelmpflicht auf Baustellen für überzogen: "Ein Nichttragen eines Helmes vermittelt vielleicht nach außen den Eindruck, dass auf einer Baustelle nicht immer alles perfekt abläuft. Auf der anderen Seite gibt es Tätigkeiten, bei denen ein Helm nicht notwendig oder sogar hinderlich ist." Ähnlich sieht es auch Ernest Stühlinger von der AUVA: "Natürlich sind Helme am einfachsten zu kontrollieren. Aber die sind nur vorgeschrieben, wenn man unter schwebenden oder potentiell fallenden Lasten arbeitet."

Geiz ist geil

Ein weiterer Grund für die Häufung schwerer Unfälle liegt laut Kuschel in der erheblichen Zahl oft kleinerer Bauunternehmen, die durch das Kontrollnetz rutschen und vom Arbeitnehmerschutz so gut wie keine Ahnung hätten: "Manche Firmen sind hier sehr vorbildlich und wenden sich von sich aus an die AUVA oder die Arbeitsinspektion. Bei anderen wird aber eine mangelhafte Grundeinstellung zur Sicherheitskultur deutlich. In Österreich setzt sich dieser Gedanke nur langsam durch und oft wird Sicherheit nur als nachteiliges Wettbewerbselement angesehen."

Das würde aber oft auch durch Auftraggeber angeheizt, die an der falschen Stelle sparten. "Anders als ein – plakativ gesprochen – goldener Fensterrahmen" seien Sicherheitsvorkehrungen während des Baus, die womöglich einen tödlichen Unfall verhindern könnten, am fertigen Bauwerk nicht mehr bleibend zu sehen und in der Wahrnehmung der Bauherren oft weniger wert, meint Ernest Stühlinger.

360 Millionen Euro volkswirtschaftlicher Schaden

Dabei solle man den Unternehmen vielmehr den positiven Wert der Sicherheit schmackhaft machen, sagt Beate Mayer aus der Statistikabteilung der AUVA. Denn durch weniger Krankenstandstage profitiere auch die Firmenkasse, rechnet sie vor: "Kosten von über 55 Millionen Euro erwachsen den Betrieben jährlich aus Unfallfolgen, die AUVA muss jedes Jahr weitere 154 Millionen Euro in die Hand nehmen. Insgesamt verursachen Bauunfälle volkswirtschaftliche Kosten von rund 360 Millionen Euro im Jahr."

Die über 18.000 Arbeitsunfälle im Bauwesen zogen 2010 über 336.000 Krankenstandstage nach sich – das sind 22 % des österreichischen Gesamtvolumens.

"Pflichten und Gesetze gibt es schon genug"

Eine Verschärfung der Rechtslage könne allerdings kaum mehr Sicherheit erzwingen, winkt Andreas Kuschel ab: "Die gesetzlichen Vorschriften sagen ganz klar, was zu tun ist." Neben dem ABGB regeln Wortungetüme wie Bauarbeiterschutzverordnung, Bauarbeitenkoordinationsgesetz oder ArbeitnehmerInnenschutzgesetz die genauen Anweisungen.

Eine weitere Reglementierung erachtet auch Ernest Stühlinger als nicht zielführend: "Pflichten und Gesetze gibt es an und für sich schon genug. Das einzige, was noch helfen würde und wünschenswert wäre, ist eine Verstärkung der Kontrollen. Auch im Verkehr haben Ende der 1970er Jahre erst Kontrolle und Sanktionierung von Anschnall- und Helmpflicht die Leute umdenken lassen."

Mangelnde Ressourcen bei der Arbeitsinspektion

Ein Mehr an Kontrolle sei bei den derzeitigen Personalressourcen allerdings de facto unmöglich, so Kuschel. Für den Großraum Wien gebe es in der Arbeitsinspektion, die dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz untergeordnet ist, momentan zwölf Personen in Kontrollfunktion. Diese müssen aber sämtliche Baustellen bis nach Hollabrunn und Bruck an der Leitha überprüfen.

Zwar führt auch die AUVA Kontrollen durch, das aber nur in beratender Funktion. "Wir können nicht mehr machen, als zu sagen: Wenn der Arbeitsinspektor vorbeischaut, werden Sie ein Problem bekommen", sagt Stühlinger und setzt nach: "Außer es ist Gefahr in Verzug, weil etwa grob fahrlässig gehandelt wurde. Dann wäre theoretisch aber auch jeder Passant verpflichtet, eine Meldung zu machen."

Um die tägliche Gefahr im Beruf zu vergegenwärtigen, setzen AUVA, Arbeitsinspektion und Gewerkschaft auch auf bewusstseinsbildende Maßnahmen. In Schwerpunktaktionen und Fortbildungsveranstaltungen wie dem "Forum Prävention" werden der aktuelle Stand der Technik präsentiert und Vorträge gehalten. Um schließlich breitere Schichten zu erreichen, lanciert die AUVA auch Imagekampagnen mit TV-Sports wie "Gib Acht" – in der Hoffnung, dass vielleicht Wolfgang Ambros als Sprachrohr der Kampagne zum Umdenken bei den Verantwortlichen anregt. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 5.8.2011)