Bobby Gillespie bei der historisch-kritischen Würdigung seiner selbst im Wiener Wuk.

Foto: Standard/Christian Fischer

Wien - Zu den wesentlichen Errungenschaften der Popgeschichte zählt zweifellos die Tatsache, dass auch Menschen mit bescheidenen musikalischen Talenten Musik machen können. Die Wunderwelt der Technik macht es möglich. Speziell die Speichermöglichkeit zu Hause oder im Studio vorproduzierte Tonfolgen und Beats, die man vor Publikum jederzeit diskret hinter einem Bildschirm abrufen kann, ohne dass man sich blöd auf einem Griffbrett oder einer Tastatur vergreift, ist hier mittlerweile generationenübergreifend sehr beliebt.

Sie sorgt auf den Bühnen dieser Welt vor allem auch für Sicherheit und für zur Coolness unbedingt notwendigen Gelassenheit vieler Künstler. Bei der lästigen, aber dank Rückgang der Tonträgerverkäufe heute mehr denn je überlebensnotwendigen Form der Livekonzerte geht es längst nicht mehr darum, auch wirklich leibhaftig zu spielen. Ein Auftritt wird von den ökonomisch denkenden Künstlern im Genre von vornherein als Repräsentationsformat und nicht als Möglichkeit spontanen künstlerischen Ausdrucks betrachtet. Stichwort: Tonband ab.

1991 war diesbezüglich ein wichtiges Jahr. Als damals in Großbritannien die Rockmusik mit massenfreundlichen DJ-Sounds kurzgeschlossen wurde und endlich auch die langhaarigen Jazz-Beatles zu elektronischen Pillenpartys der Rave-Szene gehen konnten, veröffentlichten Bobby Gillespie und seine Band Primal Scream das legendäre Album Screamadelica .

Im Gefolge von ähnlich gelagerten, geschäftlich weitaus glückloser agierenden Bands wie Happy Mondays oder Pop Will Eat Itself hatten die damals auch schon stramm auf das biblische Popstaralter von 30 zugehenden Drogenesser aus Glasgow das Glück, dass ihrem Creation-Labelchef Alan McGee ihr etwas konturlos dahingedröhnter Sixties-Gitarrenrock, dank dessen er ein Jahrzehnt später mit Oasis steinreich werden sollte, zart auf die Nerven ging. Er verdingte den damals populären DJ Andrew Weatherall dazu, die Stones-Paraphrasen von Primal Scream doch etwas modern Richtung Acid-Smileys aufzupeppen.

Genialische Reißbrettarbeit

So entstand zwischen gemütlichen, auch für ein durchschnittliches Pub-Publikum verträglichen Dancefloor-Beats, dubbigen Klavier- und Halleffekten, wohlbekömmlichem Funk und hymnischen Soul-Paraphrasen eine genialische Reißbrettarbeit. Die auf dem damals als Doppelalbum erschienenen Screamadelica enthaltenen Songs und heutigen Klassiker wie Higher Than The Sun, Movin' On Up oder Come Together brachten das damalige britische Lebensgefühl der "Raveolution" zwischen Pub und Club auf den Punkt.

Screamadelica führte den historisch überkommenen Bandgedanken endgültig ad absurdum, weil dieser von Andrew Weatherall beherzt weggemischt und durch Samples ersetzt wurde. So ist es 20 Jahre später zwar verständlich, dass die Band anlässlich dieses Jubiläums am mittlerweile von der Generation 40+ bestimmten Tonträgermarkt nostalgisch mit der Abspielung des gesamten Albums auf Tournee geht. Das ist seit einigen Jahren gute Sitte im Geschäft, dass Bands ihren eigenen Oldiesmarkt mit Verweisen auf ein besseres Früher beschönigen.

Nicht leicht zu verstehen ist allerdings, wenn sich die Band, die auf dem Album nur selten zu hören ist, in damaliger "Originalbesetzung" auf die Bühne des Wiener Wuk stellt und so tut, als würde sie Screamadelica spielen. Bis auf den nölenden Gesang Gillespies, den Soul-Einsprengseln einer Gospel-Kolorateurin und mitunter endlosen Schweinerocksoli war der Tontechniker am Mischpult jedenfalls sichtlich unterfordert. Start-Stop-Play. Im Publikum machte sich ein gewisser Uwe-Scheuch-Effekt bemerkbar: Eigentlich ist das eine Sauerei. Aber wurscht ist es auch, solange ordentlich die Post abgeht. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe 8.8.2011)