"Das stecke ich weg", sagt Kapitän Cofalka zur Tatsache, dass er öfter mal in der Nacht auf die Kommandobrücke muss

Foto: derStandard.at/Marietta Türk

"Ob ein Kapitän ein Paar trauen darf, hängt vom Flaggenstaat ab. Unter US-Flagge darf der Kapitän das machen unter italienischer bedauerlicherweise nicht. Da braucht man einen Standesbeamten."

Foto: derStandard.at/Marietta Türk

Seit einem Jahr steuert der Österreicher Vincent Cofalka das Kreuzfahrtschiff AidaAura. Der Vorarlberger ist Seemann geworden, weil er vor Jahren "einer Lügengeschichte aufgesessen" ist. Durch einen Headhunter von einem Frachter abgeworben, manövriert er nun ein über 200 Meter langes Kreuzfahrtschiff durch die Weltmeere. Als Chef von fast 400 Mitarbeitern lebt er ein Leben der Extreme - und wirkt dabei souverän.

derStandard.at: Sie sind Vorarlberger - Wie entstand der Berufswunsch Kapitän bei Ihnen?

Cofalka: Ich bin Kapitän geworden, weil mein Bruder mir ein Jahr vor der Matura erzählt hat, dass ein Studienkollege von ihm zur See fährt. Das hat mich damals so beeindruckt, dass ich nach der Schule diesen Weg eingeschlagen habe. Später hat sich dann herausgestellt, dass die Geschichte mit dem Studienkollegen so gar nicht stimmte.

derStandard.at: Wann war Ihr erster Einsatz als Kapitän?

Cofalka: Das war 2008: mein erstes Kommando auf der CSAV Venezuela, einem Containerfrachter. Einsatzgebiet Karibik und Nordküste Südamerika. 

derStandard.at: Wie ist es der erste in der Hierarchie zu sein? Haben Sie das Durchsetzungsvermögen im Blut oder gelernt?

Cofalka: Auch für mich überraschend, war das Durchsetzungsvermögen gar nicht so das Problem. Ich war Chef von Menschen, die 30 Jahre älter waren als ich. Schon als erster Offizier, der die nautischen Offiziere führt, hatte ich einen großen Verantwortungsbereich. Insofern bin ich auch mit den Aufgaben gewachsen. Das einzige Neue: es gibt keinen mehr, den ich fragen kann. 

derStandard.at: Was sind Ihre Hauptaufgaben neben der Steuerung des Schiffes?

Cofalka: Der Kapitän ist der Leiter des Gesamtschiffbetriebes. Er hat die letztendliche Verantwortung für alles, das an Bord passiert. Grundsätzlich gibt es auf einem Kreuzfahrschiff die Spezialisten: den Chefkoch, den Hotelmanager usw. - sie haben alle sehr spezifische Aufgaben, von denen ich im Detail nichts verstehe. Aber ich bin sehr wohl dazu da zu schauen, dass der Gästeservice funktioniert, wenn beispielsweise Beschwerden bis nach oben gehen. Genauso bei den Maschinen, gibt es dort gröbere Probleme, muss ich auch dort einschreiten.

Ich bin auch der Vertreter des Reeders an Bord und damit das Bindeglied zwischen Schiff und Reederei und über alle Informationsabläufe, die Einfluss auf den operativen Schiffsbetrieb haben, informiert. Meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass die Schnittstelle Schiff-Land funktioniert. Der klassische Tagesablauf ist Entscheidungsfindung und Führung. 

derStandard.at: Was reizt Sie an Ihrem Beruf?

Cofalka: Da meine Familie null Seefahrertradition hat, hat mich das Unbekannte gereizt. Ich habe eine Qualifikation, die heutzutage nur sehr wenige Menschen beherrschen und das ist der Reiz daran. Ich bin auf der ganzen Welt unterwegs. Spannend ist auch der Faktor des Unerwarteten. Man hat nicht den Standard-Tagesablauf, es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Schema F funktioniert an Bord nicht. Man muss eine gewisse Improvisationsgabe haben und Fingerspitzengefühl und soziale Kompetenz um die Mannschaft auf geänderte Umstände einzustellen.

derStandard.at: Was ist schwierig?

Cofalka: Die Mitarbeiterführung ist die größte Herausforderung. Ein Kapitän alleine kann kein Schiff fahren. Es ist zwar immer noch eine sehr starre Hierarchie, die klar definiert ist, aber die bekannten Sprüche wie "Master next God" stimmen nicht mehr. Der Brüll-Kommando-Ton funktioniert nicht mehr. Es macht einen deutlichen Unterschied ob ich eine motivierte Besatzung habe oder nicht - ganz speziell auf einem Kreuzfahrschiff. Wenn ein Chef nur kläfft, folgen zwar die Mitarbeiter, sie kündigen aber innerlich.

derStandard.at: Wie motivieren Sie denn Ihre Mitarbeiter?

Cofalka: Ich sage wie ich bin und mache klar, was man von mir erwarten kann. Umgekehrt gibt es eine ganz klare Ansage, was meine persönliche Erwartungshaltung ist. Dann sage ich was für eine Politik ich habe und diese ist dann auch umzusetzen. Ich bin ein relativ umgänglicher Mensch und habe kein Problem damit, wenn Mitarbeiter eine Sache angehen wie ich sie niemals angehen würde -solange das Ergebnis stimmt. Es ist immer ein Geben und Nehmen.

Wir haben ein eigenes Partydeck für die Besatzung, wo auch ab und zu gegrillt wird. Da merkt die Besatzung, wenn etwas besonders gut gelaufen ist, gibt man auch einmal einen aus. Oder ich sage: das hast du gut gemacht. Ganz simpel. Wir kritisieren schließlich oft genug. 

derStandard.at: Wann haben Sie Feierabend?

Cofalka: Ein Kapitän hat dann Feierabend, wenn es nichts zu tun gibt. Zwischendurch mal. Auf Schiffratsebene - Kapitän, Staff Kapitän, Club Direktor, Chief (Technik, Anm.) - haben wir zwar offiziell unseren Acht-Stunden-Tag, aber wir sind 'on demand'. Kommt bei schwierigen Passagen ein Lotse an Bord, muss ich von zwei Uhr bis fünf Uhr morgens auf der Brücke. Dafür lege ich mich zwischendurch einmal hin. An Bord stört mich das nicht großartig. Das stecke ich weg. 

derStandard.at: Sie sind drei Monate an Bord, zwei Monate auf Landurlaub. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Familie?

Cofalka: Das Leben eines Seemanns ist ein Leben der Extreme. Ich bin entweder voll zuhause oder gar nicht. Meine Frau hat selber in der Reederei gearbeitet, im Human Ressources Bereich und in der nautischen Inspektion. Sie hat den Bezug und das Verständnis dafür und das hilft sehr viel. Fairerweise muss man sagen, jemand in einer vergleichbaren Position an Land, arbeitet auch nicht von neun bis 17 Uhr und die Qualität der Freizeit abends und am Wochenende, leidet sicher auch unter der ständigen Erreichbarkeit.

Manchmal fährt meine Familie auch mit. Im Schnitt eine Woche pro Einsatz. Außerdem gibt es ja auch Internet und Telefon, es ist ja nicht so wie früher, dass ich da die Flaschenpost ins Wasser schmeiße und irgendwann kommt sie an. 

derStandard.at: Reisen Sie in Ihrer Freizeit?

Cofalka: Nein! Wenn ich zuhause bin, will ich meine eigenen vier Wände genießen. Ich erfreue mich an banalen Sachen: ins Kino gehen, mit meinen Freunden in die Kneipe gehen. Das ist für mich high life. Oder ein Waldspaziergang. (Marietta Türk, derStandard.at, 10.8.2011)