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Gesichtserkennung ist keine Zukunftsmusik mehr.

Foto: APA

Kann man einer Person im Zug oder im Kaffeehaus gegenübersitzen und per Klick auf den Fotoauslöser herausfinden, wie sie heißt, wo sie wohnt, wer ihre Freunde sind und was ihre Interessen? In gar nicht so wenigen Fällen ist das mit dem aktuellen Stand der Technik ein Leichtes, sagen Alessandro Acquisti, Ralph Gross und Fred Stutzman von der Carnegie Mellon University (CMU) in Pittsburgh, Pennsylvania. In mehreren Experimenten haben sie bewiesen, dass frei erhältliche Software Menschen nahezu in Echtzeit identifizieren kann – sobald ein einziges im Internet frei verfügbares Foto mit ihrem Namen verknüpft ist.

Acquisti und seine Kollegen haben in ihrer ersten Forschungsanordnung die Profilbilder von Nutzern eines beliebten Kennenlernportals extrahiert. In einem nächsten Schritt ließen sie einen Crawler des Tech-Unternehmens PittPatt mit Gesichtserkennungsfunktion durch öffentlich erfassbare Facebook-Profile laufen und mit den Fotos der Datingplattform vergleichen. 13,9 Prozent der Profile – also fast alle, die unter einem Pseudonym flirteten – konnte die Software einem Facebook-Account zuordnen. Um die Daten zu verifizieren, überprüften die Informatiker die Ergebnisse mit eigenen Augen: In 10,5 Prozent der Fälle orteten auch Acquisti, Gross und Stutzman eine "sichere" oder "wahrscheinliche" Übereinstimmung der Profile.

Google übt sich in Zurückhaltung

In einem zweiten Experiment bauten die Informatiker einen Stand am Campus auf und baten Freiwillige, sich von einer Webcam ablichten zu lassen. Die Bilder glichen sie erneut mit öffentlichen Facebook-Profilen ab und erzielten eine Trefferquote von erstaunlichen 31 Prozent – nach nicht mehr als jeweils drei Sekunden Suchlauf. Zwar sei Facebook als größte Einzelplattform prädestiniert für ein solches Forschungssetting, meinte Acquisti, doch rechne man die sonst noch im Web zugänglichen und identifizierenden Bilder von Personen hinzu, so dürfte dieser Prozentsatz in der Praxis noch deutlich höher liegen.

"In einigen Jahren wird die Gesichtersuche genauso selbstverständlich sein wie heute die Textsuche. Wir wollen keine Angst verbreiten. Aber wir stehen knapp vor dem Punkt, an dem man Online- und Offline-Daten so nahtlos miteinander verschmelzen kann, dass jeder Passant auf der Straße persönliche Informationen durch ein simples Foto generieren kann", meinte der Forscher anlässlich der Präsentation der Ergebnisse bei der Black Hat Sicherheitskonferenz in Las Vegas vergangene Woche. Zwar sei diese Technologie momentan noch so umstritten, dass sich selbst Google, das die auf Gesichtserkennung spezialisierten Startups Neven Vision, Riya und PittPatt akquiriert hat, vor einem breiten Rollout zurückhält.

Geist aus der Flasche

"Doch dieser Geist ist längst aus der Flasche", sagte der Forscher der CMU, die neben dem renommierten MIT und den Universitäten in Stanford und Berkeley zu den führenden Informatik-Einrichtungen der USA zählt. Dass der Vorgang technisch möglich ist, lässt derzeit sogar die simple Bildersuche von Google erahnen: Wer nach "Paris" sucht und den Parameter "itp:face" mitschickt, dem wirft die Suchmaschine keinen Eiffelturm mehr, sondern nur noch Bilder von menschlichen Gesichtern aus.

"Meinen Namen vorschlagen"

Im Wettlauf um die ausgefeilteste Technik sieht sich Google freilich dem zunehmenden Druck der Mitbewerber ausgesetzt. Apple schluckte vergangenen September das schwedische Technologieunternehmen Polar Rose und integrierte dessen Gesichtserkennung in sein Bildmanagementsystem iPhoto. Facebook lizenzierte erst kürzlich den Gesichtserkennungsdienst face.com, stand aber schon früher in der Kritik von Datenschützern, nachdem bei allen Usern standardmäßig das Feature "Wenn ein Foto nach mir aussieht, meinen Namen vorschlagen" freigeschaltet wurde.

"Bei rund 2,5 Milliarden Bildern, die monatlich auf Facebook hochgeladen werden, stehen die Chancen nicht schlecht, identifizierbar zu sein", erklärte Acquisti. Und: "Es ist nahezu unmöglich, diese Daten wieder zurückzunehmen." Laut dem Wissenschafter zeige die von der US-Armee teilfinanzierte Studie, dass auch der Weg zu einer weiteren Einebnung der Privatsphäre kaum mehr umkehrbar ist. Einer seiner Probanden am Campus reagierte auf das korrekte Ergebnis zwischen Webcamaufnahme und Facebook-Profil lapidar: "This is freaky." (Michael Matzenberger, derStandard.at, #.8.2011)