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Ein Angestellter verlässt die Tepco-Firmenzentrale.

Foto: APA

Der finanzielle Fallout der Reaktorkatastrophe im AKW Fukushima materialisiert sich immer stärker in konkreten Zahlen. Am Dienstag hat Betreiber Tepco in seiner Bilanz für das vergangene Quartal einen weiteren Verlust von umgerechnet fünf Milliarden Euro verbucht. Der Reinverlust ist damit mehr als 100-mal höher als im Vorjahr.

Der Grund für das Defizit ist diesmal die Krisenbewältigung und nicht wie im Ende März abgelaufenen Bilanzjahr 2010 die Abschreibung für die zerstörten Meiler. Die hatte Tepco damals einen Reinverlust von elf Milliarden Euro eingebracht.

Doch das ist erst der Anfang. Vergangene Woche stellte ein Regierungsausschuss einen Entwurf für einen Entschädigungsplan vor, der Tepco sogar für die Einkommensausfälle des nationalen Hotelgewerbes haftbar machen würde. Außerdem überlegt der Ausschuss, Tepco für die Evakuierungen zahlen zu lassen.

Geldquelle fraglich

Schon eine Laufzeit dieser Verpflichtungen bis Ende Januar 2012 würde Tepco bis zu 64 Milliarden Euro kosten, meint Yusuke Ueda, Kreditstratege von Merrill Lynch Japan. Woher das Geld kommen soll, ist völlig offen.

Wie rasch Tepco wieder profitabel Strom erzeugen und verkaufen kann, ist noch unklar. Denn erstens braucht der Konzern für Strompreiserhöhungen in der angespannten politischen Lage die Zustimmung der Regierung. Doch die zu erhalten wird schwer, weil Tepco derzeit Buhmann ist. Zweitens beginnt das Land gerade erst die Diskussion über die Zukunft seiner Energiepolitik und damit der Atomkraft, auf die Tepco bisher im Einklang mit der Regierungspolitik gesetzt hat.

Drei große Fragen

Die Antworten auf drei große Fragen sind dabei entscheidend: Wird das Land ein Einspeisegesetz nach deutschem Vorbild einführen, um alternative Energien zu fördern? Kommt sogar ein schrittweiser Ausstieg aus der Atomenergie? Und wird das Strommonopol dereguliert?

Allerdings gibt es in keiner Frage einen Konsens. Regierungschef Naoto Kan forderte, den von Japans Atomlobby erträumten Wiederverwertungskreislauf von Plutonium und dazugehörigen schnellen Brütern aufzugeben. Doch Kan kämpft allein, selbst seine Partei fordert seinen Rücktritt.

Derweil versucht sich die Atomwirtschaft wieder mehr Einfluss zu verschaffen. Die oppositionellen Liberaldemokraten (LDP), die in ihrer Zeit als Dauerregierungspartei die Atomindustrie aufgebaut hatten, diskutieren, das Einspeisegesetz auf fünf Jahre zu begrenzen, verrät LDP-Politiker Taro Kono. "Sie glauben, dass die Leute vergessen werden, und die Atomindustrie dann neue Reaktoren bauen kann", sagt Kono, der 2012 für die Parteiführung kandidieren will. "Ich denke allerdings nicht, dass das passieren wird."

Kono: Kan scheinheilig

Kritisch geht Kono auch mit Kan zu Gericht. Der Premier predige daheim den Ausstieg und wolle dennoch den Export von Atomkraftwerken fördern, erbost sich Kono. Außerdem wirft er der Regierung vor, die Bevölkerung im Umkreis Fukushimas nicht gut genug geschützt zu haben.

Computermodelle der Regierung zeigten deutlich an, dass die radioaktive Wolke direkt über manche Orte ziehen würde. Nur wussten die Bürger davon nichts, denn Bürokraten in Tokio hatten die Simulationen sogar vor Politikern verheimlicht - aus Angst vor Kritik und Panik. Später spielten aus den gleichen Gründen die Politiker die Resultate herunter.

Für die Betroffenen muss sich der neue Entscheid der Regierung daher wie Hohn auswirken: Die Evakuierungsbereitschaft in der 20 bis 30 Kilometer vom AKW entfernten Sicherheitszone soll nun aufgehoben werden. (Martin Kölling aus Tokyo, DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2011)