Tomás Sobotka: Interesse für Geografie und Geburten.

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Ein rapider Geburtenrückgang - das war eine der langfristigeren Folgen des Wendejahrs 1989 in Tschechien. Die Gründe dafür wurden heftig diskutiert. Ein Thema, das auch an Tomás Sobotka, damals noch Schüler, nicht vorüberging. "Es gab eine große Debatte, ob die ökonomische Krise dafür verantwortlich war, dass weniger Kinder geboren wurden, oder die völlig neuen Möglichkeiten, die sich jungen Menschen boten. Man fragte sich, ob es eine tiefgreifende Veränderung war oder die Menschen einfach abwarteten, was als Nächstes kommen würde", erinnert sich Sobotka.

Für Geografie hat sich der 36-Jährige schon immer interessiert, und so fiel die Entscheidung für das Studium der Demografie (Bevölkerungswissenschaften) in Prag nicht schwer. Das Doktorat führte ihn an die niederländische Universität Groningen, wo er untersuchte, welchen Einfluss der Trend, immer später Kinder zu bekommen, auf die europaweite Bevölkerung hat. Bei einer Konferenz traf Sobotka Wolfgang Lutz, den Wittgensteinpreisträger des Vorjahres, der ihm eine Forschungsstelle am Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften anbot - welches er gern annahm. 2004 wechselte er nach Wien.

Seit Jänner ist er Teamkoordinator am neu geschaffenen Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital. Künftig kann er sein Budget mit einem der begehrten Starting Grants des European Research Council (ERC) aufbessern: 1,3 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren stehen seinem Projekt "Fertilität, Reproduktion und Bevölkerungsentwicklung im Europa des 21. Jahrhunderts" zur Verfügung.

"Ich habe vor, die Unterschiede in den Geburtenraten europäischer Länder aus verschiedenen Blickwinkeln zu analysieren", schildert Tomás Sobotka. Besonders interessiert ihn, warum Länder, die in den 1980er-Jahren besonders niedrige Geburtenraten aufwiesen, seit Mitte der 1990er eine Kehrtwende vollzogen haben und heute die Rankings mit den höchsten Raten anführen. Das ist etwa in den nordeuropäischen Ländern zu beobachten.

"Die Faktoren, die in den 1980ern für die geringe Feritilität verantwortlich gemacht wurden, sind hohes Einkommen, gute Ausbildung, ausgeprägte Säkularität, hohe Scheidungsraten und ein hohes Maß an gesellschaftlicher Partizipation von Frauen", sagt der Demograf. "20 Jahre später gelten dieselben Faktoren - bei einer hohen Geburtenrate." Sobotka vermutet, dass ein Grund dafür darin liegt, dass in besagten Ländern schon früh Rahmenbedingungen geschaffen wurden, die eine leichtere Vereinbarkeit von Kindern und Karriere erlauben.

Welche Rolle zudem ein Wertewandel, die sozioökonomische Situation und nicht zuletzt Migration spielen, versuchen Sobotka und sein Team aus bereits vorhandenen Studien und Statistiken herauszufiltern und daraus Prognosen abzuleiten. "Wir kombinieren Daten aus verschiedenen Ländern mit Theorien und unseren Hypothesen", erklärt Sobotka.

Er hofft, dass seine Forschungsarbeit dazu beiträgt, mehr Sachlichkeit in Bevölkerungsdebatten zu bringen: "Es herrscht in der Öffentlichkeit oft das Gefühl vor, dass die Überalterung der Gesellschaft nicht zu managen ist, dass Migranten überhandnehmen. Es ärgert mich, dass Daten total falsch interpretiert werden, um zu dramatisieren."

In seiner ganz persönlichen Geburtenstatistik scheint seit einem halben Jahr eine Tochter auf - weshalb er die Hälfte der Woche bei seiner Familie in Prag verbringt. Wissenschaftlich gesehen bevorzugt er Wien: "Hier ist derzeit weltweit einer der besten Orte für Demografen." (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 8. 2011)