Matana Roberts im Gespräch mit ihren Ahnen.

Foto: Constellation

Wien - Das kanadische Constellation-Label brachte man bisher nicht unbedingt mit Jazz in Zusammenhang. Die in Montreal ansässige Firma hat sich mit Musikerkollektiven wie Godspeed You! Black Emperor oder A Silver Mt. Zion und ihren atemberaubenden Grenz- und Freigängen zwischen progressiver Kammermusik auf Rockband-Basis inklusive klassischer Streichinstrumente oder gruppendynamischer Prozesse, die auf kollektiven Improvisationen fußen, sowie deftiger Ausflüge in die Romantik, den Folk wie in den Hardcore-Punk zwar einen internationalen Ruf erarbeitet. Jazz kam bis dato allerdings nur in Interviews der Constellation-Musiker als Inspirationsquelle vor. Mit der aus Chicago gebürtigen und in New York lebenden Altsaxofonistin, Poetry-Künstlerin und Sängerin Matana Roberts ist das nun anders geworden.

Die etwa an der visionären Musik des Sternenfahrers Sun Ra oder den beseelten Free-Jazz-Gospelmessen Albert Aylers geschulte Musikerin ist von jeher flexibel gewesen, was die künstlerischen Stile betrifft, auf die sie sich einlässt. So arbeitete die 33-Jährige am Anfang ihrer Karriere mit ihrem Trio Sticks and Stones ebenso im klassisch entgrenzt wütenden Ausbruchs- und Ausdrucksbereich des Jazz, wie sie sich mit Musikern der ehemaligen Post-Rock-Modernisten Tortoise aus Chicago in strukturalistischer Zurückhaltung und emotionaler Bedecktheit übte oder festgefügte Tanzmusik für Merce Cunningham komponierte.

Große Ambitionen

Zuletzt arbeitete Matana Roberts eben auch mit besagten Ensembles Godspeed You! Black Emperor oder A Silver Mt. Zion zusammen.

Mit dem jetzt erschienenen Album Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres hat Roberts ihr bisher ambitioniertestes Projekt gestartet. Das auf mehrere Teile angelegte Werk soll anhand der Geschichte ihrer Familie über sieben Generationen von den afrikanischen Ursprüngen herauf bis zur Gegenwart sowohl (auto-)biografische Aufarbeitung sein als auch eine Dokumentation afroamerikanischer Musiken, amerikanischer Ideengeschichte, politischer Auseinandersetzung mit schwarzer Identität.

Matana Roberts Quellenstudium schlägt sich dann auch im Ergebnis nieder. Orale Geschichte, schriftliche Dokumente, Tonbanddokumente, Erinnerungsstücke aus Familienbesitz dienen als Rohmaterial. In diesem ersten Coin Coin-Teil geht Matana Roberts der familiären Vergangenheit ihrer Familie in Louisiana nach. Sie verschränkt dabei konkrete Spurensuche mit Geisterbeschwörung, erhöht als Geschichtsschreibung zwangsläufig zur Geister- und Ideengeschichte, in der die Zeitzeugen als Gespenster umgehen.

Monotone, rituelle Stammesmusik aus Afrika verschränkt sich in roh, nach einem eigens entwickelten Notationssystem einstudierten und dann live im Studio vor kleinem Freundeskreis eingespielten Blöcken mit Gospel und New-Orleans-Jazz. Freies Spiel und expressive Ekstase werden mit Trauer kurzgeschlossen, Hymnen und volksliedhafte Cajun-Melodien mit Trauermarsch und Feierlaune, Politisches mit extrem Persönlichem.

Obwohl das alles in seinen Einzelteilen seit den 1960er-Jahren zwischen Charlie Hadens Liberation Music Orchestra oder dem Art Ensemble of Chicago und diversen anderen durchaus auch politisch bewegten Formationen als historisch bestens abgesicherte Herangehensweise gilt, ergeben sich so bei Matana Roberts und ihrem 14-köpfigen Ensemble bewegende, ja, herzzerreißende Momente.

Unbändige Kraft

Das Studiopublikum soll am Ende dieser auf CD von 90 auf 60 Minuten heruntergebrochenen Session zu Tränen gerührt gewesen sein. Und tatsächlich, die raue, unbändige Kraft und emotionale Haltlosigkeit, die einem da auch noch im sterilen CD- Format entgegenschlägt, macht Coin Coin Chapter One zu einem (Jazz-)Ereignis des Jahres. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2011)