Es herrscht in der Wissenschaft inzwischen eine weitgehende Übereinstimmung darüber, dass der Koran in vor-mohammedanischen Traditionen wurzelt. Man geht davon aus, dass es bereits eine koranische Bewegung vor der traditionellen "offiziellen Überbringung" des Buches durch den Erzengel Gabriel an Mohammed gab. Der Koran, wie auch immer er im Einzelnen ausgesehen haben mag, war jedenfalls das Maß aller Dinge in der Welt des frühen Islams.

Mit dem Auftauchen des Propheten Mohammed kam eine weitere Größe ins Spiel. Er selber. Die ersten Berichte über den Propheten tauchten allerdings erst rund zweihundert Jahre nach seinem Tod auf. Dies waren die Hadithe, die "Taten und Sprüche". Sie berichteten was der Prophet zu diesem oder jenem Thema sagte, was sein Lieblingsessen war, wer seine Lieblingsfrau, oder mit wem er alles bei seinem nächtlichen Ausflug in den Himmel gesprochen hatte. In wenigen Jahrzehnten inflationierte die Zahl der Hadithe über die Millionengrenze, zu Auftragsproduktionen und Massenware geraten. Die Sira, die Lebensgeschichte des Propheten, ist im Wesentlichen biografisch aufbereitetes Hadithenmaterial.

Oberbegriff ist die Sunna, die "Tradition". Sunna ist die Gesamtheit aller Überlieferungen rund um den Propheten. Sunna ist, was er sagte, was er tat, und was man über ihn berichtete. Die Sunna regelt entsprechend dem Prophetenvorbild die Barttracht, die Kleiderlänge, Speiseverbote oder was einem Niesenden zuzurufen sei. Sunna ist schließlich das wichtigste normative Prinzip des privaten wie öffentlichen Lebens.
Das hatte natürlich tief einschneidende Konsequenzen für Staat und Rechtswesen. Während die frühesten islamischen Rechtsschulen des Abu Hanifa und des Malik bin Anas Hadithe und Sunna - und damit den Propheten - nicht beachteten, stützten sich die späteren Schulen fast nur noch auf die Prophetentradition.

Die Göttlichkeit der Sunna

Es ging nicht mehr um Erstellung von Rechtsprinzipien, sondern um Abgleich: Was hat der Prophet dazu gesagt? Was haben seine „Genossen" gesagt? Was haben die „Nachfolger" gesagt? War keine Antwort auffindbar, lautete die Frage: „Was würde der Prophet dazu sagen?" Das war die Zeit, wo die Sunna den Tagesablauf wie das gesamtes Leben des Gläubigen zu regeln begann. Salafi, „der Nachahmer der Tradition" war der größte Ruhmestitel für einen Gläubigen im 9. Jahrhundert.

Koran und Sunna gleichwertig

Bereits in diesem 9. Jahrhundert (dem dritten islamischen Jahrhundert) standen Koran und Sunna gleichwertig nebeneinander: "Die Sunna ist der Richter über den Koran und nicht umgekehrt." Ein Spruch, der von dem heute noch anerkannten Rechtsgelehrten al-Schafi bekräftigt wurde, zur gleichen Zeit formulierte Ibn Kuteiba die These von der Göttlichkeit der Sunna.

Dies war nichts weniger als die Verkehrung urislamischer Prinzipien ins glatte Gegenteil. Qualifizierte sich der frühe Islam in der Ablehnung des aufgedonnerten byzantinischen Christentums mit seinen Wundern und Heiligen, so hatte präzise dieser Personenkult nun Einzug in die neue Religion gefunden. In Übersteuerung des Koran und bisweilen sogar in Widerspruch dazu wurde eine Überfigur ohne Fehl und Tadel kreiert, ein perfekter Mensch, der Wunder vollbrachte, um den sich bald Tausende von Legenden rankten und dessen irdische Existenz standesgemäß mit einer Himmelfahrt enden musste. Der "Mohammedanismus", besser bekannt als der "Sunnismus", war geboren.

Theologisch bedeutete das auch eine Verwässerung des eisernen Prinzips des Einzigen Gottes. Aufs schärfste hatte man einst die "Beigesellung" Jesu als Sohn Gottes verurteilt (muschkirun, "Beigeseller" fälschlich oft als "Heiden" übersetzt) und nun setzte man den Worten des Einzigen die Worte seines Skriptenverteilers gleich.

Kein generelles Alkoholverbot im Koran

Fuat Sanac, neuer Präsident der IGGiÖ handelte zutiefst sunnitisch als er in seinem kritisierten Interview auf derStandard.at sagte, religiöse Verbote seien nicht änderbar, und dabei Bekleidungsvorschriften erwähnte. Die allerdings gibt es so nicht im Koran, wohl aber in den Hadithen. Zahlreiche „religiöse Vorschriften" finden sich in den Hadithen, nicht aber im Koran. Das Schweinefleischverbot etwa ist eindeutig im Koran verankert, keineswegs aber das Alkoholverbot. Auch der Spruch, wonach der Abfall vom Islam mit dem Tode zu bestrafen sei, stammt nicht aus dem Koran.
In seiner Antwort auf derStandard.at nannte Birol Kilic, Obmann der Türkischen Kulturgemeinde,  in Österreich Sanac einen Menschen, "durch den auch die 'koranische Religion des Islam' falsch interpretiert und als menschenunwürdig und zurückgeblieben dargestellt wird - vermeintlich gerechtfertigt durch aus der Tradition/den Bräuchen erfundene Ahadith (Anm.: Hadith) und sektiererische Interpretationen derselben".
Kilic geißelt eine "Wüstentheologie", in welcher "Politik, Tradition und Religion zu einem Hybrid vereint werden" und er beruft sich immer wieder auf die koranische Tradition.

Thema mit Brisanz

Eine theologische Abreibung vom Feinsten, muss man sagen, zu einem Thema, das schon sehr früh Unruhe, ja sogar Spaltung, in die islamische Welt brachte und offenbar nichts an Brisanz verloren hat. (Wenn Herr Sanac allerdings weniger fundamentalistisch sein wollte, könnte er leicht ein anderes passendes Hadith finden.)
Kilic weiter: "Nicht einmal der Prophet Mohammed ist nach den koranischen Prinzipien der Wächter oder Verwalter über die Menschen und das sollte auch in Österreich so gelten".
Er ist es aber im Verständnis der Sunna, und das offensichtlich auch in Österreich. (Leser-Kommentar, Norbert Schmidt, derStandard.at, 10.8.2011)