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Algeriens Präsident Bouteflika gerät zunehmend unter Druck. Viele fordern seinen Rücktritt.

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Kirche nach dem Beben in Zemmouri

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Algier - Nach dem verheerenden Beben in Algier gerät Staatschef Abdelaziz Bouteflika zunehmend unter Druck: Er wurde von mehreren Zeitungen wegen des schlechten Krisenmanagements der Behörden zum Rücktritt aufgefordert. Am Samstag hatte er einen Besuch in der besonders stark getroffenen Stadt Boumerdès abbrechen müssen, weil ihn wütende Bewohner mit Steinen bewarfen.

Die Zahl der Todesopfer stieg nach offiziellen Angaben auf mehr als 2000. Angesichts der einsetzenden Hitzewelle wuchs im Katastrophengebiet die Gefahr von Seuchen.

In der östlichen Bucht der Stadt Algier sind manche Wohnblocks einfach auf die Seite weggekippt, andere wie Kartenhäuser in sich zusammengefallen. Zwischendrin stehen immer wieder Gebäude, die dem Erdstoß vom Mittwoch standgehalten haben. "Warum wir?" fragen viele Opfer und wissen gleich die Antwort. Von "Korruption" und "Pfusch am Bau" ist dann die erbitterte Rede.

Dieser Teil der Bucht ist ein Ballungsraum, der über zehn Prozent der algerischen Bevölkerung aufnimmt. Überall schossen in den letzten Jahren Stadtteile aus dem Boden, um die explosionsartig angewachsene Bevölkerung aufzunehmen. Seit der Unabhängigkeit 1962 hat sich die Einwohnerzahl Algeriens von acht auf 30 Millionen fast vervierfacht.

150.000 Wohnungen werden in Algerien jährlich gebaut. Und es reicht immer noch nicht, wie jetzt das Erdbeben zeigte. Viele der eingestürzten Gebäude waren überbelegt; eine siebenköpfige Familie in einer Einzimmerwohnung ist keine Seltenheit.

Um den sozialen Frieden zu erkaufen, geben die Gemeinden Land oft zu einem symbolischen Preis ab. Wer ein bisschen Geld hat, baut sich ein Haus. Billig muss es sein. Das gilt selbst bei denen, die sich eine Villa mit Meeresblick errichten.

"Wir sind nicht einmal mehr in der Lage, einen Pfosten zu errichten, der die Erdbebennormen erfüllt", beschwert sich Erdbebenspezialist Mohamed Farsi. An Stahlträgern wurde ebenso gespart wie am Zement. So mancher Block wurde ohne Fundament förmlich auf Sand gebaut.

Das Hilfsteam des österreichischen Innenministeriums wurde in der Nacht zum Sonntag in Wien zurückerwartet; das Bundesheerkontingent wird insgesamt eine Woche in Algerien bleiben. Hoffnung, noch Überlebende zu finden, besteht kaum noch. Samstagabend hatte das österreichisch-polnische Team in Boumerdès allerdings ein zwölf Jahre altes Mädchen lebend aus den Trümmern bergen können. (rw, red/DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2003)