Riga/Wien - Alf Poier reagierte nachher "angefressen". Dem steirischen Kabarettisten war es beim 48. Songcontest in der lettischen Hauptstadt Riga nicht gelungen, sein Ziel zu erreichen - also entweder Erster oder Letzter zu werden. Mit 101 Punkten erreichte er mit dem Stück Weil der Mensch zählt den sechsten Platz.

Die beiden Länder, die Poier einen Strich durch die Rechnung machten, waren Großbritannien und die Türkei. Das blutleere Duo Jemini aus Liverpool platzierte sich mit dem Song Cry Baby und exakt null Punkten als Schlusslicht des Bewerbs. Sertab Erener, die in der Türkei schon seit Jahren als Star gilt, trug mit Everyway That I Can (167 Punkte) den Sieg davon.

Platz zwei belegte Belgien (165 Punkte), vertreten durch Urban Trad und den Song Sanomi. Auf Platz drei landete das als Favorit gehandelte russische Girlie-Duo t.A.T.u., das für Ne Ver, Ne Bojsia, Ne Prosi und den wohl schlechtesten Gesang des Abends - auch eine Kunst! - mit 164 Punkten bedacht wurde.

Möchte man aus diesem Ergebnis einen "Trend" ablesen, dann wohl diesen, dass sich der Versuch, individuelles Profil zu zeigen, nicht lohnt. Als Ausnahme muss man da Alf Poier anführen, verstand es dieser doch mit seinen mehr oder weniger lustigen Inszenierungen, im Vorfeld so viel Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen, dass bei Weil der Mensch zählt tatsächlich das Publikum der Skonto-Halle mitgesungen hat.

Ansonsten versuchten wenige Teilnehmer, "richtige" Musik darzustellen, und vertrauten auf seichten Schlagerpop, zu dem meist brav einstudiert und total ausdrucksstark getanzt und gelächelt wurde. Estland, das mit der Band Ruffus und dem Stück Eighties Coming Back eine "Aussage" abseits des allgegenwärtigen Themas "Liebe" machte, wurde dafür auf Platz 21 (14 Punkte) zurechtgewiesen.

Für den Siegerbeitrag entfuhr dem ORF-Kommentator ein "Ethno-Pop vom Feinsten". Mehr muss nicht gesagt werden. Außer vielleicht, dass zu dem östlich angehauchten Konserven-Pop vier Tänzerinnen (darunter die Kärntnerin Claudia Kraxner) am ausladenden Kleid von Sertab Erena gezogen haben. Bumsti.

Ethno war überhaupt die Karte des Tages: Während bei manchen Stücken eine "spanische Gitarre" die Fließbandrhythmen begleitete, brachten der Dudelsack und ein zur Schau gestelltes, aber nicht hörbares Akkordeon Belgien den zweiten Rang ein. Die erste Ballade im Ranking landete auf Platz vier. Jostein Hasselgard klimperte I'm Not Afraid To Move On heim nach Norwegen und bewies damit wie alle anderen Teilnehmer nichts.

Denn nichts ist es, was bleibt. Während früher einmal wenigstens eine Bierzelt- und Seniorenheimkarriere auf die Teilnehmer wartete, sind sich "Experten" aus der Industrie heute weit gehend einig darüber, dass der Songcontest finanziell kaum etwas bringt - außer bereits etablierten "Stars", die damit also eher ein Risiko eingehen. Vom "künstlerischen" Wert der Veranstaltung ganz zu schweigen. Die Einzigen, die vom Contest profitieren, sind die ausstrahlenden Sender.

Eingedenk dieses Umstandes wird das große Nichts ab nächstem Jahr auf zwei Tage ausgedehnt. Das bringt mehr Zeit für Werbeflächen. Etwas, dass der ORF mit einer selbst vorgenommenen Dreiteilung des Programms heuer schon bewerkstelligt hat.

Denn das Einzige, was wirklich zählt, ist Geld. (DER STANDARD, Printausgabe vom 26.5.2003)