Ein Tisch mit Stühlen, und das Ganze zu einem Ensemble zusammengeschoben, ergibt eine Skulptur? Eine Eckbank, die mehr ein Regal ist? Ein Hocker, der eher Ablagekubus ist, denn zum Sitzen einlädt? Wer meint, die im Münchner Designmuseum Neue Sammlung gezeigten 40 Möbel und Skizzen des amerikanischen Minimal-Art-Künstlers Donald Judd (1928-1994) seien auf visuelle Verwirrung angelegt, liegt völlig falsch. Auch verwehrte sich Judd, der abwechselnd in New York City und im winzigen texanischen Flecken Marfa lebte, deutlich und energisch gegen die Einordnung seiner Entwürfe als "Künstlermöbel".

Judd baute Möbel, weil er das, was er sich wünschte, nicht finden konnte, als er 1971 zum ersten Mal längere Zeit in dem abgelegenen Ort in der westtexanischen Wüste verbrachte. Also begann der radikale Vereinfacher der Dinge, selbst die Dinge zu zeichnen und zu bauen, mit denen er und seine Familie leben wollten. Erst später konnte ein Freund den an einem kommerziellen Erfolg zweifelnden Judd überreden, seine Entwürfe von einem Profi-Handwerker bauen zu lassen und auch zu verkaufen. In seinem Essay Eine gute Lampe ist schwer zu finden schrieb ein Jahr vor seinem Tod der zu dem Zeitpunkt schon als einer der wichtigsten Vertreter der Minimal Art geltende Künstler: "Ein guter Stuhl ist ein guter Stuhl. Die besonderen Umstände brachten allmählich jene allgemeingültigen Formen hervor, die auf direktem Wege nicht abgeleitet werden konnten."

Ein schöner Zufall ist es, dass der Wechselausstellungsraum in der Münchner Pinakothek strikt quadratisch ist, mit einem eingesetzten Wandkreuz in der Mitte, sodass der Rundgang gegen den Uhrzeigersinn durch vier kleinere quadratische Sektionen führt. Judd, der das Bauhaus ebenso verehrte wie er, der studierte Kunsthistoriker, der einige Jahre selber als Kunstkritiker arbeitete, von der niederländischen Avantgardebewegung De Stijl inspiriert war, hätte diese Strenge wohl gut gefallen. Klugerweise wurde auf eine chronologische Abfolge verzichtet, ebenso wie auf jeden Hauch von Inszenierung. Es fällt ohnehin schwer, so etwas wie eine fortschreitende "Entwicklung" in Judds Möbeln - darunter mehrere erstmals in Europa gezeigte Prototypen, die noch nie zuvor Marfa verlassen haben - auszumachen.

Angemessener, präziser dürfte die Vokabel "Variation" auf den Präzisionsartisten zutreffen. Ergonomie interessierte Donald Judd nicht im Mindesten. Eher das Gegenteil: der Raum und der gerade, sich streng aufrecht haltende Mensch darin. Die Möbel, anfangs aus grobem Holz, später aus feinerem, teurerem mit ausgesuchten Maserungen geschreinert, dann auch aus Sperrholz, Aluminium und Kupfer gefertigt und mit unterschiedlichen farbigen Anstrichen, sind Konzentrate, ergänzen ihre direkte Umgebung und sind zugleich Okkupation des Raums. Sie sind spielerisch, auch wenn die Rigidität manchmal geradezu puritanisch abweisend anmutet. Und sie erfüllen Judds Grundforderung, mit der er seine Kunstobjekte von seinen Modulmöbeln abgrenzte - weshalb er auch nie beide zusammen ausstellte: Sie müssen funktional sein. Strikt funktional. Und sind in ihrem Purismus - Judd sprach dabei von "reinigend" - zugleich aufgeschlossen und offen gegenüber der Umgebung. Und verweigerten sich der poppig bunten Massenkonsumgesellschaft der 1960er-Jahre. Sie führen zurück zum puren Kern des Wohnens und Lebens.

Am Ende stellt sich schließlich ein paradoxer Sachverhalt ein: Die Möbel, gebaut, um benutzt zu werden, werden angesehen und umkreist. So wie Donald Judds Raumverschiebungs-Installationen, die in der Pinakothek der Moderne einen Stock höher zu sehen sind. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2011)