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Na wenn's der Kennedy sagt ... Die Fantasie kann spielen, in der rauen Wirklichkeit aber wird eine Radtour oft zur Tortur

Foto: dpa/Pleul

Die neue rot-grüne Stadtregierung sucht einen Chefradler für Wien, war kürzlich zu lesen. Die Ausschreibung für den Posten eines Fahrradbeauftragten lief bis zum 8. August. Die Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou betonte: "Es wird eine Person gesucht, die Erfahrung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit hat und der das Radfahren ein großes Anliegen ist."

Obwohl mir Öffentlichkeitsarbeit nicht fremd und das Radfahren seit meiner Schulzeit, also seit Jahrzehnten, ein großes Anliegen ist, habe ich mich nicht um diesen Posten beworben. Denn er könnte ein Himmelfahrtskommando werden.

Beginnen wir bei den "Bereichen Bewusstseinsbildung und Werbung fürs Radeln". Vereinfachend gesagt, gibt es drei Typen von Verkehrsteilnehmern: Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer (alle drei können auch Benützer öffentlicher Verkehrsmittel sein). Von meinen täglichen Erfahrungen als Typ eins und zwei weiß ich, dass in Wien zwischen diesen Gruppen der permanente Ausnahmezustand herrscht.

Leider scheint den Autofahrern aber nicht bewusst zu sein, dass sie im Vergleich zu den anderen Teilnehmern im Gehsteig- und Straßenverkehr bewaffnet sind - und zwar mit einer gefährlichen und effizienten Waffe, nämlich einem Pkw oder, horribile dictu, einem Lkw, die im Bedarfsfall dann auch als Fluchtfahrzeuge dienen können. Eine ständig vorkommende Situation: Ein Radfahrer begeht vorsätzlich eine Verkehrsübertretung, fährt z. B. bei Rot über eine Kreuzung oder gegen eine Einbahn. Der Autofahrer sieht dies und verwandelt sich im Bruchteil einer Sekunde in eine Dreifaltigkeit, bestehend aus Polizist, Richter und Henker. Er betätigt die Lichthupe, die akustische Hupe, steigt aufs Gas ... und gefährdet ein Menschenleben.

Wir bewegen uns nicht im Bereich der Fahrlässigkeit, sondern der Vorsätzlichkeit. Der Autofahrer hat nicht die Aufgabe, den Verkehrsregeln verletzenden Radfahrer zu maßregeln, zu erziehen und zu bestrafen, sondern hat von seinem Ich-bin-im-Recht-Standpunkt Abstand zu nehmen und ausschließlich die Pflicht, den Radfahrer nicht zu gefährden, also schlicht und einfach die Geschwindigkeit zu reduzieren. Er kann die Polizei rufen, hat aber jedenfalls nicht Lynchjustiz zu üben.

In Amsterdam - zugegebenermaßen ein Radfahrerparadies, wo statistisch auf jeden Bewohner drei Fahrräder kommen - sind Autofahrer immer wieder auch als Radfahrer unterwegs und können sich offensichtlich besser in die Situation schwächerer Verkehrsteilnehmer versetzen. Ein vergleichbarer Mentalitätswandel wird im Autofahrerparadies Wien noch lange auf sich warten lassen.

Besteht im psychologischen Bereich wenig Grund zur Hoffnung, könnte im Ausbau der Infrastruktur eine Chance bestehen, wenn nicht der Ausbau der Radwege meist auf Kosten der Fußgänger ginge. Da diese nicht wie die Autofahrer über eine Lobby verfügen, werden die Gehsteige schmäler und nicht die Abstellplätze für Stehmobile in Fahrradwege verwandelt. Wie aber sonst sollte das erklärte Wiener Ziel - nämlich den Radverkehr in Wien bis 2015 zu verdoppeln - zu erreichen sein? Hier könnte der Job des Fahrradbeauftragten vom Himmelfahrtskommando zur Sisyphusarbeit werden.

Adrenalinspiegel ausgeschöpft 

Nehmen wir als Beispiel meinen täglichen Weg vom Aumannplatz im 18. Wiener Bezirk zu meinem Arbeitsplatz am Naschmarkt. Der logische Weg führt durch die Währinger Straße, leider jedoch eine Schienenstraße mit je einer Fahrspur in beide Richtungen und Kurzparkzonen auf beiden Seiten. Die einzige Möglichkeit ist, zwischen den Schienen zu fahren und somit den Verkehr hinter sich zu verlangsamen, Autofahrer sagen: zu blockieren.

Da ich nicht gerne Menschen, deren Hals dicker als ihr roter Kopf ist, im Nacken sitzen habe, habe ich mich bald für die Gentzgasse entschieden, ebenfalls eine in beide Richtungen befahrene Straße mit Parkmöglichkeiten auf beiden Seiten. Hier wird aufs Tempo gedrückt, da der Autoverkehr nicht durch öffentliche Verkehrsmittel "behindert" wird. Wenn zwei Autos aneinander vorbeifahren und dabei einen Radfahrer überholen, ist Gefahr in Verzug. Da dies permanent passiert, ist spätestens beim Gürtel mein Adrenalinspiegel für den Rest des Tages ausgeschöpft.

Mein dritter, derzeit von mir bevorzugter Weg führt mich - eine kleine Bergwertung am Beginn des Tages - bei deutlich weniger Verkehr als in der Gentzgasse zum Gürtel; dort ein kurzes Stück über den Gehsteig (hier habe ich noch nie einen Fußgänger angetroffen, also auch keinen, der einen fragen kann, ob einem "ins Hirn geschisssen" worden sei) und hinter dem WUK hinunter zur Spitalgasse, wo man sich in einen feinen Radweg einfädeln kann - bis man plötzlich von vier ominösen Buchstaben, auf den Asphalt mit weißer Farbe gepinselt, gestoppt wird: ENDE.

Diese wollen wohl sagen, dass der Radweg hier endet, aber Stoppen wäre tatsächlich das Ende, da Autos in zwei Spuren hinter dir her sind. Jetzt ist guter Rat teuer. Wie von rechts außen in die linke Spur hinüberwechseln? Ich möchte durch die Spitalgasse weiterfahren und dann ins erholsame Campusgelände einbiegen; der Verkehr erlaubt aber meist nur ein Weiterfahren auf der rechten Abbiegespur; diese Abbiegespur bringt mich zwar völlig von meiner Route ab, aber der Name der Straße, in die ich ungewollt geraten bin, amüsiert mich jedes Mal aufs Neue: Lazarettgasse. Nomen est omen? Eine Straße übrigens, in der es humorvolle Geschäftsinhaber gibt, heißt doch dort ein Restaurant Lazaretto und ein Teppichgeschäft Teppichklinik. Die Verlängerung der Lazarettgasse auf der anderen Seite der Spitalgasse aber heißt Sensengasse. Wem würde diese Namensgebung wohl besser gefallen: Johann Nestroy oder Edgar Allan Poe?

Wie auch immer: Wird unser Fahrradbeauftragter alle ENDE-Aufschriften auf Wiens Straßen erstens sich selbst zur Kenntnis bringen und zweitens an ihrer Überschreibung arbeiten? Entweder durch reale Änderungen, die Radwege nicht mehr im Nichts enden lassen, oder wenigstens durch Ehrlichkeit, die das Wort ENDE durch das längere, aber präzisere "Schleichts euch!" ersetzt. (Dieter Bandhauer, DER STANDARD Printausgabe, 12.8.2011)