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"Wo ist meine Stimme"", frag diese Demonstrantin.

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Es ist der 20. Juni 2009, acht Tage sind seit den Präsidentschaftswahlen im Iran vergangen. Chaos herrscht auf den Straßen Teherans, in zivil gekleidete Schlägertrupps versuchen mit Hilfe von Polizei und paramilitärischen Einheiten, die friedlichen Proteste zu stören und aufzulösen. "Wo ist meine Stimme", ist auf Plakaten zu lesen und von der breiten Masse lautstark zu hören. Die iranischen Millionenmetropole befindet sich im Ausnahmezustand, obwohl alles mit ruhigen Protesten angefangen hatte. Viele verlieren in dieser ersten Woche einen Verwandten oder Freund. Andere werden gerade noch schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht, wo Bekannte vom Geheimdienst abgefangen und vertrieben werden. Ihre Verwandten landen ohne medizinische Versorgung im Gefängnis, werden vergewaltigt, gefoltert oder sterben an ihren erlittenen Wunden.

"Wir sind alle Neda"

Beim Freitagsgebet an der Teheraner Universität hatte zuvor der oberste religiöse Führer mehr als deutlich gemacht, dass protestieren "unislamisch" sei und die Massen auf den Straßen mit Konsequenzen zu rechnen haben. Polizisten sitzen mit Messern ausgestattet auf Motorrädern und stechen sich wahllos durch die Menge, Ziel ist es, nicht nur die Proteste aufzulösen, sondern diese gar nicht mehr entstehen zu lassen. Vor diesem Hintergrund wird die 27-jährige "Neda", durch einen Schuss der Basiji-Milizen in die Brust getroffen und stirbt innerhalb von wenigen Minuten.
47 Sekunden

Diese letzten Lebensmomente, die mit der Handykamera aufgenommen wurden, verschaffen der iranischen Protestbewegung weltweit Gehör und machen "Neda" zur Symbolfigur der Juni-Proteste 2009. Das 47-sekündige Video geht um die Welt, un so auch Nedas Geschichte Geschichte. Arash Hejazi, der im Video zu erkennen ist, versucht, das Leben der jungen Frau zu retten und muss sich angesichts ihrer schweren körperlichen Verletzungen geschlagen geben. Es ist das letzte Mal, das die blutüberströmte Neda aufsieht: "Wie eine Gazelle", die stundenlang ihrem Jäger ausgewichen ist und nun getroffen wurde, beschreibt Hejazi diese Situation.

Die Geschichte seines Lebens

Der Mediziner Hejazi - der auch ein Verlagshaus leitet - verlässt angesichts der unsicheren Lage Iran Richtung London, wo er nach einem Jahr das Buch "Der Blick der Gazelle" fertig stellt. Darin erzählt er die Geschichte seiner Generation, seines Umfeldes und auch über die letzten Sekunden im Leben von "Neda". Der 40-jährige verzichtet auf keine Details, unermüdlich schreibt er sich von seinen Erlebnissen frei. Er erzählt die jüngere Geschichte des Iran, seiner Vorfahren und der komplizierten Beziehungen aller Iraner zu ihrem Heimatland.

Die letzten Jahrzehnte

In seinem Roman zeichnet er deutliche Parallelen zwischen dem Schah-Regime und der heutigen Regierung. Dabei ist "Der Blick der Gazelle" Hejazis persönliche Wahrnehmung und die Biographie der jungen iranischen Generation zugleich. Ausführlich schreibt er über historische Begebenheiten sowohl politischer als auch religiöser Natur. Der Leser erfährt auch von seinen Großvater, der in seinem theologischen Bücherladen auf einen noch unbekannten Khomeini trifft, oder über die ersten Auswüchse der Folter und Repression im Schah-Regime, das viele Familien und Freunde dazu bringt, dass Land zu verlassen. Wer sich für die Erlebnisse von Arash Hejazi und der jungen iranischen Generation interessiert, findet eine gute und sehr persönliche Beschreibung der letzten Jahrzehnte, sowohl aus dem historischen als auch aus dem politischen Blickwinkel.

In der Reihe der zahlreichen kürzlich erschienen Bücher über Iran und seine Jugend, ist dieser autobiografische Roman eines der besseren. "Der Blick der Gazelle", ist auf Englisch, Italienisch und Deutsch erschienen. Es ist auch ein Tribut an die gequälte iranische Bevölkerung. Im Buch spürt auch eine italienische Freundin von Arash - die stellvertretend für den Westen steht - wie entschlossen die Menschen sind, die protestieren gehen: "Diese Iraner auf den Straßen, sie werden zusammengeschlagen, erschossen, inhaftiert, gefoltert, aber sie geben nicht auf!" (red.,12. August 2011, daStandard.at)